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Politik

US-Comedian bringt neuen Schwung in Debatte um Obamacare

Eigentlich ist Jimmy Kimmel für Humor zuständig. Mit einem leidenschaftlichen Monolog hat der Moderator sich gerade aber auch politisch ins Gespräch gebracht. Das Beispiel zeigt, wie groß inzwischen der Einfluss von Late-Night-Shows auf Washington ist.

New York.  Sollte auch der neueste Anlauf der US-Republikaner zur „Reform der Gesundheitsreform“ scheitern, dann hätte das viel mit Jimmy Kimmel zu tun. Der eiserne Verfechter einer allgemeinen Krankenversicherung sitzt beruflich allerdings weder im Senat noch im Repräsentantenhaus - sondern in einem Fernsehstudio. Dort zieht er Woche für Woche die Mächtigen des Landes durch den Kakao. Und ähnlich wie viele seiner Kollegen erreicht der Unterhaltungskünstler damit oft ein erstaunlich breites Publikum.

„Late-Night-Shows prägen immer mehr die gesellschaftlichen Debatten“, sagt Robert Thompson, Leiter des Bleier Center for Television and Popular Culture an der Universität der US-Stadt Syracuse. Die republikanischen Senatoren Lindsey Graham und Bill Cassidy hatten gehofft, möglichst ohne große Aufmerksamkeit in den Medien ein neues Gesetz zur Abschaffung von Obamacare durchzusetzen. Die Chancen standen ohnehin eher schlecht. Doch seit dieser Woche stehen sie noch deutlich schlechter.

Kimmel erläuterte seinen Zuschauern auf sehr persönliche Art, warum er ein Gegner des geplanten Gesetzes ist. Am Dienstag und Mittwoch berichtete er eindringlich vom Schicksal seines neugeborenen Sohnes, der im Mai wegen eines Herzfehlers behandelt werden musste und noch zwei weitere Operationen vor sich hat. Zugleich zeigte er sich von Cassidy, der im Frühjahr in seiner Sendung zu Gast gewesen war, sehr enttäuscht - hinsichtlich der Pläne der Republikaner für das Gesundheitssystem habe dieser ihn angelogen, sagte der Moderator.

Cassidy wies die Kritik zurück und bezeichnete Kimmel als falsch informiert. Der Comedian legte daraufhin nach. Wer behaupte, er sei nicht ausreichend qualifiziert, um in Fragen der Gesundheitsversorgung mitzureden, der habe vollkommen recht, sagte er am Donnerstag. Es wundere ihn allerdings schon, dass einige Senatoren auch die von zahlreichen Organisationen aus der Branche vorgebrachten Einwände gegen das Gesetz einfach ignorierten.

Der erste Monolog in der vom Sender ABC ausgestrahlten Kimmel-Show verbreitete sich schnell im Internet und wurde in den USA dann bald zum allgemeinen Nachrichtenthema. Cassidy wurde am Mittwoch in der CNN-Sendung „New Day“ darauf angesprochen. Der Republikaner Chris Christie, Gouverneur des US-Staates New Jersey, sagte dem Sender MSNBC, der Comedian sei „keine ernstzunehmende Person“.

Aus konservativen Kreisen schlugen Kimmel auf vielen Ebenen Anfeindungen entgegen. Teile der Elite in Hollywood „wie Jimmy Kimmel drücken dem Rest des Landes ihre politischen Ansichten auf“, wetterte der Moderator Brian Kilmeade vom Sender Fox News. Der Comedian konterte und bezeichnete Kilmeade am folgenden Abend als „verlogenen kleinen Wicht“, der, „wann immer ich ihn sehe, mir nachlechzt wie ein kleiner Junge, der Batman trifft“.

Von vielen wurden die Beiträge Kimmels aber auch sehr gelobt. „Ich fand das sehr bewegend und zugleich unterhaltend“, sagte Rob Burnett, ehemaliger Produzent der legendären „Late Show“ mit David Letterman. Die Monologe würden für ihn zu dem Besten zählen, was er je in einer Late-Night-Show gesehen habe.

Ohnehin ist in den USA das Einmischen in die Politik von komödiantisch orientierten TV-Moderatoren längst keine Seltenheit mehr. Als einer der ersten hatte Jon Steward in seiner „Daily Show“ einst sehr klar Position bezogen für ein Gesetz zur Unterstützung der Ersthelfer bei den Terroranschlägen auf das World Trade Center. In den folgenden Jahren nutzten auch Stars wie Stephen Colbert, John Oliver, Samantha Bee und Trevor Noah ihre Shows immer wieder, um politisch Einfluss zu nehmen.

In fast allen diesen Fällen vertreten die Moderatoren eher liberale Standpunkte. „Als Comedian ist man heute im Grunde ein Lobbyist“, schimpfte Peter Hasson, Redakteur der konservativen Website „Daily Caller“, daher kürzlich auf Twitter. Bei Kimmel spielten politische Botschaften bisher zwar eine untergeordnete Rolle. Im Vergleich zu früheren Zeiten ist sein Stil aber schon bemerkenswert.

Noch vor wenigen Jahrzehnten seien Late-Night-Moderatoren wie etwa Johnny Carson sehr darauf bedacht gewesen, bloß niemanden zu verärgern, sagt der Wissenschaftler Thompson. Die Sender hätten das damals so vorgegeben, um keine Zuschauer zu verlieren. Heute würden viele Shows dagegen gezielt bestimmte Nischen bedienen. Und selbst wenn Carson seinerzeit auf die Idee gekommen wäre, einen leidenschaftlichen Monolog zum Vietnamkrieg zu halten - es gab kein Internet und keine Kabelsender, die einen solchen Aufreger pausenlos hätten wiederholen können.

Mit ihren Sendungen erreichen die meisten heutigen Moderatoren nicht ansatzweise so viele Zuschauer wie einst Carson. Doch dafür haben sie eben andere Möglichkeiten. Kimmel forderte seine Fans auf, seine Rede in den Sozialen Medien nicht nur zu „liken“, sondern selbst aktiv zu werden. Zugleich brachte er ein Thema, das viele Amerikaner derzeit beschäftigt, wohl auch einfach sehr gut auf den Punkt. Dabei habe er seinen Standpunkt mit einer Aufrichtigkeit vertreten, die man nicht häufig zu sehen bekäme, sagt Thompson - „nicht von Comedians, aber auch nicht von Politikern“.

Von David Bauder, AP