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Mad World

Tears For Fears wollten keine Popstars werden

Mit „Mad World“ und „Shout“ schrieben Tears For Fears Welthits, die auch auf ihrem neuen Greatest-Hits-Album zu hören sind. Zur Veröffentlichung erinnert sich das Duo an seine erste Begegnung, an große Erfolge und an die Trennung. Auf die 80er Jahre wollen sie nicht beschränkt werden.

London. Eins mögen Curt Smith und Roland Orzabal gar nicht - wenn man Tears For Fears als 80er-Jahre-Band bezeichnet. „Das nervt definitiv“, sagt Smith der Deutschen Presse-Agentur. „Es ist ja nicht so, dass wir in anderen Jahrzehnten nicht gearbeitet haben.“ Ihre größten Hits hatte die britische Band aber in den 80ern. Intelligente Popklassiker wie „Shout“, „Everybody Wants To Rule The World“ oder „Mad World“ reihen sich auf ihrer neuen CD „Rule The World“ aneinander, die am Freitag erscheint und neben den großen Hits auch zwei neue Titel enthält. 35 Jahre Bandgeschichte sind darauf zu hören.

Orzabal und Smith, inzwischen beide 56 Jahre alt, lernten sich als Teenager Ende der 70er durch einen gemeinsamen Schulfreund im Kurort Bath kennen. „Der wollte mir Curt vorstellen“, erinnert sich Orzabal, der immer noch die markanten schwarzen Locken hat. „Dann haben wir geklopft. Und ich glaube, deine Mutter hat aufgemacht. Die war nicht sehr glücklich darüber.“ Smith, mittlerweile grauhaarig, schmunzelt. „Ich hatte ja auch Hausarrest. Ich durfte nicht raus, weil ich mich geprügelt hatte. Das war unsere erste Begegnung.“ Die beiden spielten gemeinsam in mehreren Bands, bevor sie schließlich Tears For Fears gründeten.

Der Start verlief mühsam. „Erstmal sind zwei Singles gefloppt“, erzählt Orzabal. „In der Plattenfirma gab es schon Gespräche darüber, ob sie uns behalten sollten.“ Doch wenige Monate vor der Veröffentlichung ihres Debütalbums „The Hurting“ kam mit „Mad World“ der erste Erfolg. Dabei war das Lied mit der wohl traurigsten Textzeile der Band - „The dreams in which I'm dying are the best I ever had“ („Die Träume, in denen ich sterbe, sind die besten, die ich jemals hatte“) - ursprünglich gar nicht als Single vorgesehen. „Die Plattenfirma hat das veröffentlicht, weil sie dachte, dass das bei den Kritikern gut ankommt“, vermutet Smith. „Ich glaube nicht, dass die einen Hit erwartet haben.“

Das Album dazu hatte einen therapeutischen Effekt, denn auf „The Hurting“ verarbeiteten beide Musiker ihre schwierige Kindheit. „Die Therapie waren die Aufnahmen, es einfach mal rauszulassen“, erklärt Smith. Dann lacht der Sänger. „Dass es dann so erfolgreich war, hat es eher wieder schlimmer gemacht. Wir waren jung, modisch und wurden plötzlich zu Popstars. Aber wir hatten uns selbst nie als Popstars gesehen. Wir waren der Meinung, unsere Musik wäre tiefgründiger. Darum war es dann etwas seltsam, dass Mädchen geschrien haben, wenn sie uns gesehen haben.“

Den Erfolg hätten sie kaum genießen können, sagen beide. „Es war hauptsächlich Arbeit.“ Und die wurde bald mehr. Das Album „Songs From The Big Chair“ brachte den weltweiten Durchbruch mit Hits wie „Everybody Wants To Rule The World“ oder „Shout“. Der Protestsong ist für Orzabal immer noch relevant. „Irgendwas ist doch immer los. Zur Zeit, als wir "Shout" geschrieben haben, machten wir uns alle Sorgen um den Kalten Krieg, die USA gegen Russland, und die nukleare Bedrohung“, erinnert er sich. „Jetzt haben wir Nordkorea und Terrorismus. Neue Dekade, neue Ära, neues Jahrhundert - aber wir haben immer noch riesige globale Probleme.“

Persönliche Probleme haben Tears For Fears hinter sich gelassen. Nach dem dritten Album „The Seeds Of Love“ gingen sie ab 1991 getrennte Wege und sprachen nicht mehr miteinander. Über einen angeblichen Streit ums Management und um die Arbeitsweise wird gemunkelt. Die beiden halten sich bedeckt. „Als wir uns getrennt haben, hatte keiner von uns Familien. Wir hatten keine Kinder und haben die ganze Zeit aufeinander gehockt“, erklärt Smith diplomatisch. „Es war also unausweichlich. Und ich hatte mich entschieden, in die USA auszuwandern. Das hätte die Sache sowieso noch schwieriger gemacht.“

Orzabal führte Tears For Fears mit mäßigem Erfolg allein weiter. „Selbst wenn wir zusammen geblieben wären, hätten wir kommerziell wohl etwas kämpfen müssen“, glaubt er. Doch nach knapp zehn Jahren fand das Duo 2000 über die Regelung von „Papierkram“ wieder zusammen. „Wir sind es ganz langsam angegangen“, sagt Smith. „Ja, wir waren nicht sicher, ob wir noch mal ein Album machen würden“, betont Orzabal. „Wir haben eher gedacht, lass uns mal zusammensetzen, ein paar Sachen schreiben und dann gucken, wo das hinführt.“ 2005 kam das augenzwinkernd betitelte Album „Everybody Loves A Happy Ending“.

Seit der Wiedervereinigung sind Tears For Fears regelmäßig auf Tournee und locken auch ein jüngeres Publikum an. Smith räumt ein, dass ihnen die alten Hits auch „mal langweilig“ wurden. „Aber mit der Band, die wir jetzt haben, macht es Spaß zu spielen. Und von einigen Songs spielen wir andere Versionen. Wenn wir gelangweilt sind, ändern wir sie einfach ein bisschen.“ Bei einem Konzert in der Londoner Royal Albert Hall zeigte sich die Band im Oktober in Topform.

Nach all den Jahren im Musikgeschäft ist Tears For Fears eine gewisse Zufriedenheit anzumerken. „Kontrolle bedeutet Wohlfühlen“, sagt Orzabal. „Wenn wir nichts machen müssen, was wir nicht wollen, dann fühlen wir uns absolut wohl.“ Findet auch Smith: „Wir haben immer das letzte Wort und die Möglichkeit, nein zu sagen. Das ist unser Luxus.“ Im Sommer 2018 soll das siebte Studioalbum erscheinen. Vorher sind Tears For Fears in Großbritannien auf Tournee. Bald auch in Deutschland? „Hoffentlich“, betonen beide.

Von Philip Dethlefs, dpa