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So wird der "Tatort" am Sonntag

Nein, 2012 war kein besonders gutes "Tatort"-Jahr. Neben dem unsäglichen Trara um die Verpflichtung von Til Schweiger, Christian Ulmen und Nora Tschirner wurde die Sonntagabend-Institution in den letzten zwölf Monaten für größtenteils fehlgeschlagene Experimente missbraucht.

Klamauk statt Krimi (Münster - "Wunder von Wolbeck"), auf 180 Minuten gestreckte Doppelfolgen (Hannover - "Wegwerfmädchen" und "Das goldene Band"), dramatisch schlechte Drehbücher (z.B. Hamburg - "Die Ballade von Cenk und Valerie") oder einfach nur zu oft gähnende Langeweile (z.B. Bremen - "Ordnung im Lot"). Das neue Jahr geht nun deutlich besser los. Der Berliner Fall "Machtlos", so viel sei bereits verraten, ist all das, was die aufgezählten Beispiele nicht waren: sehr gut.

Um was geht es?

Der neunjährige Benjamin Steiner (Mika Seidel) ist aus der Wohnung seines Musiklehrers entführt worden. Die beiden Kommissare Till Ritter (Dominic Raacke) und Felix Stark (Boris Aljinovic) werden als Kontaktpersonen für die Eltern eingesetzt. Linda und Hermann Steiner (Lena Stolze und Horst Günter Marx) verbringen bange Stunden voller Angst, bis sich der Entführer (ganz stark: Grimme-Preisträger Edgar Selge) endlich meldet.

Was dann passiert, stellt die Kommissare und Zuschauer zunächst vor ein Rätsel: Statt sich mit dem Lösegeld aus dem Staub zu machen, verteilt der Täter 500.000 Euro auf dem Alexanderplatz und wartet anschließend geduldig auf seine Festnahme. Aus dem Verhörzimmer richtet er eine zweite Forderung an die Eltern: 10 Millionen Euro sowie freies Geleit aus der Dienststelle. Erst dann will er den Aufenthaltsort des Kindes verraten. Als ihm Ritter und Stark klar machen, dass sie ihn unter keinerlei Umständen wieder freilassen werden, beginnt ein nervenaufreibendes Geduldsspiel. Klar, der Fall erinnert frappierend an die Entführung von Jakob von Metzler.

Lohnt es sich, den "Tatort" zu sehen?

Unbedingt. Dieser Fall ist eine Wohltat und ein tolles Beispiel für eine schnörkel- und kompromisslose Erzählweise. Völlig unaufgeregt, ruhig und in aller Knappheit führt Regisseur und Drehbuchautor Klaus Krämer die Zuschauer an den Fall heran. Dabei lenkt kein zweiter Erzählstrang, kein Privatkram der Kommissare und kein überflüssiger Scherz oder Dialog ab. Kammerspielartig beschränken sich die Handlungsorte fast ausschließlich zunächst auf die Wohnung der Eltern und den Verhörraum.

Raacke und Aljinovic zeigen eine tolle Interpretation ihrer Rollen. Hoch professionell und trotzdem mit der gebotenen Intensität nehmen sie den Entführer ins Verhör, ohne dabei laut oder handgreiflich zu werden. Das mag zwar langweilig klingen, aber die namensgebende Machtlosigkeit, die Angst der Eltern sowie die begrenzten Handlungsmöglichkeiten der Ermittler wirken unglaublich bedrückend. Der Täter erhält auf Wunsch Essen, Trinken und Verhörpausen, während der entführte Junge gleichzeitig zu verdursten droht. Und doch gibt keiner der Kommissare seinem Verlangen nach, es dem Entführer heimzuzahlen.

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