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© WDR/Willi Weber

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So wird der "Tatort" am Sonntag

Zu Recht werden in letzter Zeit die Auswüchse des "Tatorts" angeprangert: Zu abgehoben, zu ambitioniert, zwanghaft witzig und dabei oft endlos peinlich. Aber: Das Sonntagabendliche Bashing auf Twitter und Facebook geht einem auch langsam auf dem Senkel.

Die Kritik darf nicht zum Beißreflex werden. Deshalb sei an dieser Stelle gesagt: "Trautes Heim" kommt zwar nicht ganz an den starken Frankfurt-"Tatort" von letzter Woche ran, liefert aber grundsolide Krimi-Kost im Gewand eines packenden Milieudramas.

Worum geht's?

Köln: Vater, Mutter und Kind leben als scheinbar glückliche Familie in einer klassischen Mittelschichten-Hochhauswohnung. Mama Simone (Alma Leiberg) weckt den kleinen Lukas (Nick Schuck) liebevoll auf, verabschiedet ihn mit mütterlicher Geste zum Fußballtraining, während Papa Roman (Barnaby Metschurat) sich für die Arbeit fertig macht. Hilfsausdruck: Idylle.

Diese wird jäh zerstört, als Lukas auf offener Straße in einen Transporter gezerrt wird. Auf der Flucht vom Tatort tötet der Kidnapper den einzigen Zeugen, einen Motorradfahrer. Warum wurde der Junge verschleppt? Erpressung? Sexualdelikt? Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) beginnen mit den Ermittlungen. Der Fall schleppt sich die ersten 20 Minuten recht unspektakulär dahin, bis das Drama seinen Lauf nimmt und die Welten zweier Familien von einem auf den anderen Moment zerbrechen. Am Ende gibt es nur Verlierer.

Lohnt es sich, am Sonntag einzuschalten?

Ja, auch wenn sicherlich nicht alle ganz glücklich damit sein werden. "Trautes Heim" hätte ein hochklassiger "Tatort" werden können, wenn Regisseur Christoph Schnee und die Autoren Roland Heep und Frank Koopmann nicht so früh die Entführer mit einem roten Pfeil über dem Kopf verraten hätten. Das raubt dem Fall etwas die Spannung und es erschließt sich auch nicht, warum diese Hinweise derart plump gestreut werden. Trotzdem, und das spricht für die Stärke des Drehbuchs, vermag der Film bis zum Schluss zu fesseln, wenn man sich als Zuschauer einmal auf das tragische Schicksal der Protagonisten eingelassen hat.

Lob gebührt nicht nur der faszinierenden Geschichte, sondern auch den Schauspielern. Barnaby Metschurat stemmt die Rolle von Familienvater Roman Sasse, dessen Leben auf einem beeindruckendem Lügenkomplex basiert, mit beachtlicher Leichtigkeit. Auch Alma Leiberg als Mutter des entführten Lukas gibt dem Elend, dass sich im Laufe der 90 Minuten offenbart, ein glaubwürdiges Gesicht. Alles in allem präsentiert uns der WDR einen guten "Tatort", der leider etwas Potential verschenkt.

(mih/spot)