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Singen gegen die Melancholie: Hannes Wader wird 75

„Singen hat Magie, es vertreibt das Leid“, sagt Hannes Wader. Mit der Musik will der Liedermacher deshalb weiter machen - auch wenn er im Herbst auf Abschiedstournee geht. Denn seine Songs sind nicht nur für sein Publikum, sondern auch für den Künstler selbst Therapie: „Ich habe ein melancholisches Temperament, doch sobald ich singe, geht es mir gut“, sagt er. Am Freitag (23. Juni) feiert Wader seinen 75. Geburtstag in Kassel.

Kassel. „Mach's gut!“ ist der Titel der Tour, die Waders Abschied vom anstrengenden Tournee-Leben sein soll. Sein bekanntestes Lied ist zwar immer noch „Heute hier, morgen dort“. Doch dass Lebensgefühl dazu gehöre eher in seine Karriereanfänge, sagt der Musiker: „Obwohl ich nicht wie Mick Jagger tanze, spüre ich die Belastung durch Tourneen.“ Deshalb soll mit den Reisen bald Schluss sein. Das werde ihm nicht schwerfallen, sagt der Liedermacher: „Ich war nie das, was man eine Rampensau nennt.“ Sein musikalischer Weggefährte Konstantin Wecker sei anders: „Der machte drei Stunden Programm und vier Stunden Zugabe“, sagt Wader bewundernd. Er selbst habe dagegen lieber eine Zugabe zu wenig als zu viel gegeben.

Den provokanten Auftritt scheute der gebürtige Westfale aber zu Beginn seiner Karriere nicht: „Ich sah mich als Gegenentwurf zu Peter Alexander.“ Statt angepasst zu sein, ging es um Antikapitalismus und Antiautorität, erinnert sich Wader: „Mit den Stiefeln, mit denen man im Garten war, ging es auch auf die Bühne.“ Dort wurde dann das Publikum beschimpft.

Das passte in die Zeit: „Es war ein Jahr vor 1968 und es knackte und knisterte überall in Adenauers Republik.“ Mit den Jahren wurde Wader milder - wie er selbst sagt. Heute sei sein Motto: „Ich will als politischer Liedermacher wahrgenommen, aber nicht darauf festgenagelt werden.“

Die politische Entwicklung macht dem Musiker dagegen Sorgen: „Bei meinem Engagement in der Friedensbewegung hatte ich Befürchtungen, aber keine Furcht.“ Heute sei das anders. „Ich habe das Gefühl, da entgleitet uns etwas“, erklärt er angesichts des Aufstiegs von Rechtspopulisten in Europa und der Welt.

Wenig Leidenschaft entfacht bei Wader das moderne Musikgeschäft. Während einige Künstler sich den großen Internet-Streamingdiensten wie Spotify gezielt entziehen, sind Waders Songs dort zu hören - trotz seiner Kapitalismuskritik. „Die Vermarktung meiner Musik überlasse ich anderen. Ich bin nur froh, dass ich nicht auf Facebook muss“, sagt er und schmunzelt. Der Liedermacher Wader hat einen Sinn für Humor, Ironie mag er dagegen nicht. „Als Stilmittel ist das völlig in Ordnung, aber nicht als Grundhaltung“, sagt Wader. Denn wer immer ironisch sei, stelle sich über andere.

Seinen Geburtstag will der zweifache Vater im kleinen familiären Kreis feiern. Ganz anders soll der Abschied von der Tourneebühne werden. „Meine Kinder haben mich überzeugt, es nochmal richtig krachen zu lassen“, sagt er. Ort und Zeit stehen schon fest: am 30. November im Tempodrom Berlin.

dpa


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