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Boulevard Sieg auf Stöckelschuhen: „Miss WM“ kommt aus Belgien
Menschen Boulevard Sieg auf Stöckelschuhen: „Miss WM“ kommt aus Belgien
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15:41 10.06.2018
BEKOMMT DAS KRÖNCHEN AUF: Zoé Brunet. Quelle: dpa
Rust

Deutschland, der amtierende Fußball-Weltmeister, schafft es bis ins Finale. Doch für den Sieg reicht es nicht, Deutschland muss sich mit Platz zwei zufrieden geben. Den Titel holt sich Belgien. Die belgische Studentin Zoé Brunet wird „Miss WM“. Der Schönheitswettbewerb im Europa-Park in Rust bei Freiburg - sechs Tage vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland - will dem internationalen Sportereignis eine weibliche Note geben.

„Ich bin stolz und glücklich“, sagt die 18 Jahre alte Studentin aus der belgischen Universitätsstadt Namur, nachdem sie in der Nacht zum Samstag zur „Miss WM“ gewählt worden ist. Ihre Konkurrentinnen hat sie auf dem Laufsteg im Freizeitpark ins Abseits geschoben und ist am Ende strahlende Siegerin. „Ich hoffe, dass es die belgische Nationalmannschaft nun so wie ich macht und bei der WM den Titel holt“, sagt sie.

Frauen im Alter von 18 bis 33 Jahren aus den 32 WM-Teilnehmerländern sind dabei, um zur „schönsten Frau“ der diesjährigen Fußball-WM gekürt zu werden. Sie präsentieren sich jeweils im Trikot der Fußball- Nationalmannschaft ihres Landes, im Abendkleid sowie im Bikini. Um Fußball geht es nicht an diesem Abend. Fußballwissen oder gar fußballerisches Können sind nicht gefragt. Eine offizielle Funktion bei der Fußball-WM hat die Siegerin nicht. Sie erhält 3500 Euro.

„Miss Germany“ Anahita Rehbein (23) aus Stuttgart, die für Deutschland antritt, kommt auf Platz zwei - vor Dänemark mit der Studentin Amanda Petri (21) aus der Hauptstadt Kopenhagen.

Die unter dem Schlagwort #MeToo bekannt gewordene weltweite Debatte um Sexismus, Machtmissbrauch und Frauenfeindlichkeit spielt keine Rolle an diesem Abend. Nicht nur Schönheitswahlen stehen in der Kritik, auch das Frauenbild bei sportlichen Großereignissen wandelt sich. Die Formel 1 verzichtet künftig auf Boxengirls, die bislang Blicke auf sich zogen. Auch andere Sportarten stellen sich dem Thema.

Ebenso Miss-Wahlen: Beim jährlichen Miss-America-Wettbewerb müssen sich die Teilnehmerinnen künftig nicht mehr im Badeanzug zeigen, wie jüngst entschieden wurde. Bei „Miss Germany“, sagt der Veranstalter nun, wird es das Schaulaufen in Badebekleidung auch weiterhin geben.

Sportreporter Waldemar Hartmann (70) sitzt bei „Miss WM“ in der Jury, unter anderem neben dem früheren Fifa-Schiedsrichter Walter Eschweiler (82) und Ex-Nationalspieler David Odonkor (34). „Ich weigere mich, dass plötzlich irgendwelche Debatten, die angeschoben werden, dann eine komplette Gesellschaftsordnung durcheinander bringen“, sagt er der Deutschen Presse-Agentur: „Ich werde nicht über eine Miss-Wahl herziehen.“ Diese liefen seit Jahrzehnten. „In jedem Freibad geht es freizügiger zu“, sagt Hartmann.

Die Soziologin und Geschlechterforscherin Nina Degele von der Universität Freiburg sieht das anders. „Ein solcher Schönheitswettbewerb ist sexistisch“, sagt sie. Das nicht mehr zeitgemäße Rollenbild gelte für den Fußball insgesamt. „Fußball ist Nationalsport und Männerdomäne. Frauen werden vor allem als hübsches Anhängsel betrachtet - ob im Stadion, beim Public Viewing oder auch beim heimischen Fußballgucken.“ Sie seien in der öffentlichen Wahrnehmung höchstens Spielerfrauen oder Beiwerk im Stadion.

„Männer bleiben beim Fußball gerne unter sich“, sagt Degele in Freiburg. Frauen-Fußball werde nicht als gleichwertig akzeptiert.

Auch in anderen klassischen Männersportarten sei dies zu beobachten, beim Fußball sei es jedoch besonders ausgeprägt. Medien, Werbung und Fußball-Verantwortliche müssten umdenken und Frauen gleichberechtigt behandeln. Dazu gehörten gleiche Trainingsmöglichkeiten, der Verzicht auf Schönheitswettbewerbe sowie Mannschaften und Wettbewerbe, in denen Männer und Frauen gemeinsam auf dem Platz stehen.

Von Jürgen Ruf, dpa