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Verschattet, aber nicht düster sollten die neuen Kompositionen von Jazz-Pianist Michael Wollny klingen.

Verschattet, aber nicht düster sollten die neuen Kompositionen von Jazz-Pianist Michael Wollny klingen. © Jörg Carstensen

Musik

Popstar des Jazz: Michael Wollnys "Nachtfahrten"

Ein junger Pianist mit Wuschelkopf und der Lässigkeit des Pop mischt den deutschen Jazz auf: Michael Wollny begeistert gleichermaßen Musikkritiker und Plattenkäufer. Ein Porträt des Mannes, der nach dem "Weltentraum" nun zu spannenden "Nachtfahrten" einlädt.

Berlin. Deutscher Jazz sei ja eigentlich Musik, "die keiner hört". Das sagt bescheiden lächelnd einer, der mit seinen Erfolgen beim breiten Publikum diese These selbst widerlegt. Und der diesen Jazz so gut spielt wie hierzulande kaum ein anderer.

Pianist Michael Wollny ist Popstar und kreative Keimzelle des zeitgenössischen Jazz in Deutschland. Sein herausragendes neues Album "Nachtfahrten" dürfte diesen Ruf weiter festigen.

Dabei kletterte bereits der Vorgänger "Weltentraum", von der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" als "Ereignis" bejubelt, voriges Jahr in die Top 50 der Albumcharts - eine seltene Ehre für Jazz-Platten, nicht nur für deutsche. Die Erwartungen sind also groß, wenn der mit 37 Jahren immer noch so verstrubbelt-unverkrampft auftretende Musiker nun mit einem Nachfolger an den Start geht.

Doch Wollny will den Druck möglichst wenig an sich heranlassen. "Klar, es hat sich wahnsinnig viel verändert in letzter Zeit. Mit "Weltentraum" bin ich ja in eine andere Dimension geschossen", sagt der gebürtige Schweinfurter der Deutschen Presse-Agentur. Andererseits könne "kein Musiker etwas Neues planen und vom Ende her denken", sprich: erstmal an den Erfolg und danach an seine Kunst.

"Man muss sich in den Moment des Musizierens flüchten. Erwartungshaltungen von außen stören nur diesen Moment", betont Michael Wollny mit einer Ernsthaftigkeit, die seiner äußerlichen Lockerheit zu widersprechen scheint. Doch sowohl das Disziplinierte als auch das Lässige gehört zu dieser Künstlerpersönlichkeit - erst beide gemeinsam machen Wollnys Erfolg bei Kritik und Käufern aus.

An kreativer Herausforderung und Weiterentwicklung hat es Wollny nie gefehlt seit dem Beginn seiner Karriere vor knapp 15 Jahren. Nach dem Durchbruch im Duo mit dem heute 82-jährigen Saxofon-Veteranen Heinz Sauer spielte er in einem aufregend eigenständigen Jazz-Trio mit Eva Kruse (Bass) und Eric Schaefer (Schlagzeug). Hinzu kamen Kollaborationen mit einigen Großen des Genres und das Solo-Album "Hexentanz" (2007), auf dem er Gruselkino-Musik ebenso stilsicher verarbeitete wie Stücke von Franz Schubert oder Björk.

Die Trio-Platte "Weltentraum" setzte den Brückenschlag zwischen E- und U-Musik mühelos und mutig fort, mit Kompositionen von Paul Hindemith oder Alban Berg neben Pop- und Soundtrack-Zitaten. "Ich bin nicht festgelegt auf einzelne Klangfarben", sagt Wollny. "Beschränkung wäre in meinem Fall künstlich, weil meine Hörgewohnheiten und Interessen so breitgefächert sind."

Vor allem seine Kinobegeisterung treibt dem stets Neuland suchenden Pianisten Wollny Ideen zu. So wird das neue Album mit der wunderbar feinfühligen Interpretation einer Filmmelodie von Angelo Badalamenti für David Lynchs "Twin Peaks" eröffnet. Neben dem langjährigen Wegbegleiter Schaefer komplettiert nun Bass-Mann Christian Weber das aktuelle Trio. "Bei dieser Platte waren mir eine gewisse Choreografie, eine Inszenierung wichtig", sagt Wollny.

"Nachtfahrten" vereint Musik aus wieder einmal sehr unterschiedlichen Stilrichtungen, darunter auch eine ganze Reihe Eigenkompositionen. "Die Stücke sollten irgendwie verschattet klingen, aber nicht düster oder abgründig. Sondern einladend und strahlend", versucht sich der Pianist an einer Definition seines "Programms" für diese Platte. Der noch etwas sprunghaften Experimentierfreude von "Weltentraum" stellt er auf "Nachtfahrten" geradezu altmeisterliche Gelassenheit entgegen. Und nähert sich damit großen amerikanischen Jazz-Pianisten wie seinem Vorbild Keith Jarrett oder Brad Mehldau.

Womöglich hat die zunehmende Reife dieses unkonventionellen Musikers auch mit seiner privaten Situation zu tun: Seit eineinhalb Jahren ist Wollny Vater eines Sohnes und lebt mit seiner Familie in Leipzig. Dort unterrichtet er Jazz als Professor an der Hochschule für Musik und Theater. Der 37-Jährige freut sich schon auf die Lehrphasen mit seinen zehn Studenten im Wintersemester: "Das ist eine geschützte Zone, in der man mal wieder ganz in Ruhe über Musik nachdenken kann."

Konzerte im Herbst: 28.10. Berlin; 30.10. München; 1.11. Stuttgart; 3.11. Hannover; 4.11. Bremen; 5.11. Kreuztal; 6.11. Düsseldorf; 7.11. Dortmund; 9.11. Frankfurt/Main; 11.11. Erlangen; 12.11. Karlsruhe; 13.11. Hamburg

dpa


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