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Musik

Nachruf auf Fats Domino: Der Schatz vom Blaubeerenberg

Fats Domino ist tot. Der legendäre Boogie-Woogie- und Rock’n’Roll-Pianist starb mit 89 Jahren in Louisiana

Louisiana. Die letzte Begegnung mit Fats Dominos Musik war für die meisten Deutschen der Mann in der Fernsehwerbung mit dem liegengebliebenen Auto und dem leeren blauen Reservekanister. Endlos lief der Mann mit der Panne damals, 1991, an Kuhweiden vorbei. Durch Wälder und Auen über staubige Schotterpisten und dann noch ein paar Kilometer weiter, weil die erste Tanke auf dem Wege nicht seine Lieblingsmarke war. Kein Schlauberger, so viel ist sicher, aber der Song dazu war cool: Das hibbelig-hüpfende „I’m Walking“ von Fats Domino. Ein Hit von 1957.

Einige sahen Domino dann doch noch einmal live: Im Jahr darauf kam er ob seines unerwarteten Tankstellenhits noch einmal auf Konzertreise. Der schwergewichtige Mann, der in der Rock’n’Roll-Ära als Markenzeichen eine wie mit dem Lineal gezogene Brikettfrisur trug, wurde gefeiert. Auch mit 64 Jahren ruckte er immer noch wonnig auf seinem Pianoschemel hin- und her, und sang dazu mit seiner weichen, kreidigen Stimme all seine großen Hits aus der Zeit der Heckflossenmobile und Petticoatmädchen: das tränenselige „Ain’t That A Shame“, den Fluch des Wochenanfangs „Blue Monday“, die Landfluchten von „Kansas City“ und „Walking to New Orleans“, die Coverversion des Cajun-Klassikers „Jambalaya“ und natürlich seinen berühmtesten Song, das Liebeslied vom Schatz auf dem Blaubeerenberg: „I found my Thrill on Blueberry Hill, when I found You“. Wer am 5. November 1992 in der Bremerhavener Stadthalle weilte, der erlebte Lied um Lied, wie gut es sich anfühlt, wenn einen die Musik mit Gänsehaut überzieht.

Beinahe wäre es nichts geworden mit der großen Pianokarriere des fülligen Antoine „Fats“ Domino Jr aus New Orleans , der gestern im Alter von 89 Jahren in Harvey, Louisiana, im Kreise seiner Familie und Freunde starb. Er hatte Glück, dass er mit 14 Jahren bei einem Arbeitsunfall in einer Fabrik, in der er Geld für die Familie verdiente, nicht die Finger verlor. Sein Schwager Harrison Verrett brachte ihm das Klavierspiel bei, der Duke-Ellington-Trompeter Dave Bartholomew entdeckte ihn 1949 in einem Klub, in dem Fats für eine Handvoll Dollar pro Woche spielte. Obwohl Domino gemeinhin dem Rock’n’Roll zugerechnet wird, hatte er bis1955, dem „Geburtsjahr des Rock’n’Roll“, schon fünf Millionenhits mit seinem temperamentvollen Boogie-Woogie-Spiel abgeliefert. „The Fat Man“ hieß seine erste Single, mit der er sich noch mit den schwarzen R&B-Charts Amerikas begnügen musste (Platz 2). Zu einem US- und später weltweiten Star wurde er, als er 1955 und 1956 in der Ed-Sullivan-Show auftrat, und – wie auch Chuck Berry – ein weißes Publikum für sich gewann. Vorzugsweise spielte er Lieder mittleren Tempos, doch Songs wie „The Big Beat“ zeigten ihn auch als Mann für die hohen Geschwindigkeiten.

Mit der British Invasion durch die Beatles ließ Dominos Erfolg nach. Ironischerweise war 1968 eine Aufnahme des Beatles-Hits „Lady Madonna“ sein letzter Hit. Alle Ehren Amerikas für bedeutende Künstler wurde ihm später angetragen: Eine National Medal of Arts, ein Stern auf dem Hollywood Walk of Fame, eine Mitgliedschaft in der Rock and Roll Hall of Fame (1986) und in allen sonst noch nennenswerten Ruhmeshallen für Musiker. Das Musikmagazin Rolling Stone, die Bibel der Musiklisten, führt ihn als 25. größten Rockkünstler aller Zeiten.

Einfluss hat Domino bis heute. Benny Andersson, der schon in den Siebzigerjahren die Abba-Songs „Why Did It Have to Be Me“ und „I do, I do, I do, I do, I do“ nach dem Vorbild von Domino-Hits komponiert hatte, landete in den Nullerjahren mit „You Are My Man“ einen Hit, der vom Juli 2004 bis November 2009 278 Wochen in den schwedischen Charts verbrachte. „Nach fünf Jahren mussten sie ihn rausschmeißen“, sagte Andersson in diesem Sommer in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), „dieser wunderbare, schaukelnde Fats-Domino-Beat funktionierte immer noch fantastisch.“

Auch auf dem Musikfestival von New Orleans, wo der Privatier Domino lange Jahre noch einmal pro Jahr auftrat. New Orleans, „the big Easy“, war neben Ehefrau Rosemary seine große Liebe – und beinahe sein Verhängnis. 2005 blieb er in der Stadt, als der Hurrikan Katrina anrollte, wurde vermisst gemeldet und schließlich mit einem Hubschrauber gerettet. Sein ganzer Besitz ging verloren. Später trat er bei Festivals auf, um Geld für die verwüsteten Kindergärten der Stadt einzuspielen.

Zeit heute für ein paar alte Domino-Songs. Vielleicht nicht gerade im Auto-CD-Player, man weiß ja nie. Wenn man denn aber liegenbleibt, nicht weiterlaufen als unbedingt nötig. Fats Domino würde das nicht wollen.

Matthias Halbig


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