Navigation:

© ddp images

Musik

Montserrat Caballé: Das Hochgebirge des Gesangs

Man stelle sich vor, eine deutsche Sopranistin von Weltruf hieße wie ein Hochgebirgszug. Etwa Nebelhorn, Watzmann oder Zugspitze. Das durchdringend Feine und Klare, das unendlich Süße und Leichte trüge den Namen des Monumentalen.

Man würde es im besten Fall als teutonischen Größenwahn ansehen, im schlechtesten (und wahrscheinlichsten) als Lachnummer.

Montserrat Caballé heißt wie ein Gebirgszug. Etwa 30 Kilometer nordwestlich ihres Heimatortes Barcelona reckt sich der wild gezackte Bergrücken Montserrat in den Himmel. Der Name ist eine Mischform von "montaa" (Gebirge) und "sierra" (Säge). Das gleichnamige Kloster hat das Felsmassiv zu einem heiligen Ort gemacht, deshalb ist "Montserrat" in Katalonien ein beliebter weiblicher Vorname.

Montserrat Caballé galt als eine der besten Sopranistinnen der Welt; gleichzeitig ist sie auch eine der figürlich umfangreichsten. Die Tageszeitung "Die Welt" schreibt: "Wenn Caballé und ihre gleichfalls beleibte Kollegin Marilyn Horne sich nach umjubelten Vorstellungen von Rossinis ,Semiramis' auf offener Bühne umarmten, so mussten sie vorher jeweils einen Schritt zurücktreten - auf dass ihre Wangen sich auf halber Körperhöhe berührten."

Trotzdem steckt keine Ironie oder gar Häme dahinter, wenn man sie als "singender Mount Montserrat" bezeichnet, sondern die Verehrung eines Gipfels der Musik. Heute wird "Montse", wie Millionen von Fans sie nennen, 80 Jahre alt.

Um ein Haar wäre es nicht zu der atemberaubenden Karriere gekommen, denn als der Dr. Company, der Hausarzt des kleinen Lebensmittelhändlers Carlos Caballé, am 12. April 1933 gegen 21 Uhr zur Hausgeburt in die kleine Wohnung in der Carrer d'Igualada eilte, hatte sich bereits die Nabelschnur fest um den Hals des Neugeborenen geschlungen. Die Gesichtsfarbe wurde schon blau-violett, das Mädchen drohte zu ersticken. Dr. Company unternahm die rettenden Handgriffe, damit schenkte er Maria de Montserrat Viviana Concepción Caballé i Folc das Leben - und der Welt eine der größten Operndiven - die vielleicht größte lyrische Sopranistin nach Maria Callas.

Die Stationen und Erfolge ihrer Laufbahn sind hinlänglich bekannt: Nach dem Studium am Konservatorium von Barcelona debütiert sie 1959 mit einem Gastauftritt an der Wiener Staatsoper unter Herbert von Karajan. Das erste feste Engagement erfolgt in Basel und Bremen. Danach geht alles rasend schnell: Internationaler Durchbruch am heimischen Liceu-Theater, in der Londoner Carnegie Hall, an der Metropolitan Opera in New York, Auftritte und Engagements in den führenden Opernhäusern der Welt: Wien, München, Paris, Mailand, New York und immer wieder daheim in Barcelona.

Zwischendurch heiratet sie 1964 den Tenor Bernabé Martí. Ihre Tochter, Montserrat Martí Caballé (bekannt als "Montsita"), ist gleichfalls Sopranistin. Und sie kümmert sich um den künstlerischen Nachwuchs und fördert den 23-jährigen José Carreras, ebenfalls aus Barcelona, der zu einem der besten Tenöre der Welt aufsteigt.

Bei allen Triumphen hat "Montse" nie den Bodenkontakt verloren. Ihr ansteckendes Gelächter - auch über sich selbst - ist legendär. Sie hat "den Typus der Operngöttin vom Himmel auf die Erde geholt" ("Die Welt"). So kommt es auch zum ungewöhnlichsten Projekt der Künstlerin: Hochkultur verliebt sich in Pop und umgekehrt. Zu den Olympischen Spielen in Barcelona soll sie einen Song schreiben; dafür möchte sie Freddie Mercury, den Frontmann der englischen Rockgruppe "Queen" engagieren, der seinerseits ein große Verehrer der Caballé ist.

In seinem literarischen Reiseführer "Merian Porträts: Barcelona" beschreibt der Hamburger Autor Wolfhart Berg die Begegnung der beiden: "Eine Woche später besucht die Caballé nach einem Soloauftritt im Royal Opera House den extrovertierten Freddy Mercury in seiner Villa in Kensington. Sie proben und singen bis um sechs Uhr früh. So entsteht der Welthit ,Barcelona', den dann beide im Inbrunst bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 1992 im Stadion am Montjuc singen.

Es ist ruhiger um sie geworden. 1986 hat man in ihrem Kopf einen gutartigen Tumor entdeckt, im Oktober letzten Jahres erlitt sie einen Schlaganfall, vom dem sie sich aber wieder gut erholt hat. Ihren 80. Geburtstag feiert sie nicht zu Hause im Gràcia-Viertel von Barcelona; sie ist mal wieder unterwegs - auf Tournee.

(Leo Nell/spot)