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Nicht jedermanns Sache: Leggings.

Nicht jedermanns Sache: Leggings.
© dpa

Mode

Leggings-Affäre: Wo Dresscodes noch etwas gelten

Zwei Mädchen in Leggings wollen an Bord einer Passagiermaschine - und blitzen bei der Airline ab. Der Aufschrei ist groß. Doch sind Flugzeuge längst nicht der einzige Ort, an dem Dresscodes von Bedeutung sind.

Berlin. Im Schlabberlook kommt man manchmal nicht weit. Das mussten zwei Mädchen erleben, die mit Leggings in einen Flieger der US-Airline United steigen wollten - und deswegen keinen Zutritt bekamen. Kaum wurde der Vorfall publik, brach ein Twitter-Gewitter der Kritik über die Fluggesellschaft herein.

 

Zwar verteidigte sich United bald mit dem Reisestatus der Mädchen, die als Angehörige von Mitarbeitern der Airline Spezialtickets hatten und daher strengeren Kleiderregeln unterlagen. Und doch wirft die Leggings-Affäre ganz grundsätzliche Fragen über Sinn und Unsinn von Dresscodes in Zeiten modischer Freizügigkeit auf.

 

Für Modeexpertin Gundula Wolter können optische Grenzen durchaus ihren Grund haben. „Bestimmte Kleiderfragen, die mit den Befindlichkeiten einer Gesellschaft zu tun haben, machen natürlich Sinn“, sagt die 1. Vorsitzende des Berliner Vereins netzwerk mode textil der Deutschen Presse-Agentur. Sie kenne zum Beispiel einen Fall, bei dem jemand in der Erwachsenenbildung mit Radlerhosen in die Schule gekommen sei. Da habe sich die Lehrerin so brüskiert gefühlt, dass sie den Mann wieder nach Hause geschickt und ihm aufgetragen habe, eine andere Hose anzuziehen, weil sie sich provoziert gefühlt habe.

 

Der Umgang mit Dresscodes sei ambivalent, findet Wolter. Seit langem herrsche zwar eine lockere Handhabe bei den modischen Grundregeln, auf der anderen Seite gebe es eine konservative Rückwärtsbewegung, die sich etwa in der Forderung nach Schuluniformen äußere.

 

Tatsächlich war die Schule schon in der Vergangenheit Schauplatz erregter Debatten über Modefragen.

 

2015 etwa trat eine Werkrealschule im baden-württembergischen Horb mit einem Hotpantsverbot eine bundesweite Debatte los. Schüler mit als unangebracht geltender Kleidung mussten dort ein übergroßes T-Shirt überziehen. Für einen Brandbrief an die Eltern, in dem die Schulleiterin gegen bauchfreie Oberteile und knappe Höschen austeilte, setzte es harsche Kritik. Ein Jahr nach der Debatte ließ die Schule eine rote Liste mit Kleidungsstücken erstellen, die aus Schülersicht nicht in den Unterricht passen. Dazu zählen neben zu kurzen Hotpants und zu tiefen Ausschnitten Bademäntel, Hausschuhe, Kostüme und die sehr tief sitzenden Baggypants. Auch das Erscheinungsbild der Jungs stand so im Visier.

 

Auch bei der Polizei entzündete sich in der Vergangenheit Ärger am Beamten-Look, der sogar Gerichte beschäftigte. 2014 bestätigte der Hessische Verwaltungsgerichtshof in Kassel ein Urteil der Vorinstanz, wonach die Bundespolizei tätowierte Bewerber ablehnen kann. Das Verwaltungsgericht in Aachen hingegen urteilte 2012 in einem anderen Fall, das Land Nordrhein-Westfalen darf einen Anwärter wegen eines Tattoos nicht abweisen.

 

Auch die Bundeswehr pflegt strenge Vorgaben in der Frage, wie sehr Soldaten modisch aus der Reihe tanzen dürfen: Nach einem Erlass vom Jahr 2014 sind farbiger Nagellack, sichtbare Piercings oder Tattoos tabu.

 

Modedesign-Experte Volker Feyerabend von der Hochschule Hannover sieht Dresscodes vor allem als Versuch, „Sicherheiten herzustellen“ - gerade in Zeiten, in denen Kleiderregeln in Auflösung begriffen seien. „Es gibt formelle und informelle Dresscodes, und man merkt immer nur, dass man dagegen verstoßen hat, wenn man ein komisches Gefühl in einer Gruppe bekommt und das Gefühl hat, man passt da nicht hin.“ An der Ausgrenzung durch Kleidung habe sich nichts geändert.

 

Mit Blick auf den aktuellen Fall im Flugzeug sagt Feyerabend, Unternehmen wollten sich mit Dresscodes als stabil präsentieren. Deren Devise laute: „Wenn ihr euch so kleidet, signalisiert ihr, dass ihr zu diesem erfolgreichen Unternehmen XY gehört.“

Von Bernard Darko, dpa