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Lady Bitch Ray - Emanzipation mal anders.

NP-Interview

Lady Bitch Ray: "Früher war Alice Schwarzer eine Bitch"

Rapperin und Linguistin, Deutschtürkin und promovierte Provokateurin. Reyhan Şahin alias Lady Bitch Ray lässt sich schwer in Schubladen stecken. Jetzt hat sie ihr Buch „Bitchsm“ veröffentlicht – Untertitel: „Emanzipation, Integration, Masturbation“. Mit ihr sprach NP-Redakteur Stefan Gohlisch.

Für Uneingeweihte: Was ist Bitchsm?

Es geht um die Selbstbestimmung der Frau – und zwar in den Bereichen, die ich auch im Untertitel nenne: Emanzipation, Integration und Masturbation. Ich nehme mir Dinge vor, mit denen ich mich beschäftige und mit denen Frauen sich meiner Ansicht nach heutzutage beschäftigen sollten.

Wenn ich Sie recht verstehe, geht es Ihnen auch um die positive Umdeutung des Begriffs „Bitch“, der oft in der Verwendung von „Schlampe“ verwendet wird. Das erinnert an die US-amerikanischen HipHopper NWA, „Niggaz Wit Attitudes“, die dasselbe mit dem Wort „Nigger“ machten.

Die positive Umdeutung von „Bitch“ kommt eher aus der Hardcore-Punk-Szene und der Riot-Grrrls-Bewegung. Das ist päter von Rapperinnen wie Lil Kim und Missy Elliott aufgenommen worden. Bis dahin waren Frauen im HipHop nur schmückendes Beiwerk und durften – wenn sie Glück hatten – ein wenig mit dem Arsch wackeln. Ich möchte den Begriff weiterentwickeln, hin zu einem neuen Weiblichkeitsbegriff voller Selbstbewusstsein und Selbstbestimmung.

Darf Mann zu einer Frau „Bitch“ sagen?

Wenn er es positiv meint, so, als wäre sie eine Königin: ja. „Bitch“ im negativen Sinn zu verwenden, ist laut „Bitchsm“ strikt verboten.

Ihr Begriff „Bitch“ ist auch stark von Sexualität geprägt, im Gegensatz zur alten Emanzipationsbewegung, der ja oft eine gewisse Lustfeindlichkeit nachgesagt wurde ...

... was ich natürlich auf eine teilweise übertriebene Weise darstelle. Es geht, wie gesagt, um Selbstbestimmung, auch um die sexuelle. Eine Alice Schwarzer mag vielleicht nicht so gerne Sex haben, aber ich kenne viele Frauen, die anders leben. Früher war Alice Schwarzer für mich auch eine Bitch. Aber wenn ich mir jetzt anschaue, wie sie sich bei Talkshows mit einer Sonya Kraus gegen mich solidarisiert ...

Hat der alte Feminismus versagt?

Mir ist ganz wichtig, dass Neo-Feministinnen an den klassischen Feminismus anknüpfen. Aber er hat bestimmte Schichten gar nicht erreicht. Mir fehlt da die Solidarität zum Beispiel mit den Deutsch-Türkinnen. Der arabische Frühling wird immer als positives Beispiel genannt. Wir haben den doch auch in Deutschland: bei den türkischstämmigen und arabischstämmigen Frauen, die sich von den alten Rollenbildern emanzipieren wollen. Die dritte Frauenbewegung hat Deutschland erreicht; sie findet in anderen Kulturen, in anderen Schichten statt. Aber um die kümmern sich zu wenig Leute. Darum habe ich mein Buch auch in einer Sprache geschrieben, die sie verstehen. Doch gerade beim Thema Integration tauchen in der öffentlichen Diskussion sofort Schlagwörter auf, die den Blick auf die Wirklichkeit verstellen. Da geht es beispielsweise sofort um das Thema Kopftuch.

Das auch Thema Ihrer Doktorarbeit als Linguistin war: „Die Bedeutung des muslimischen Kopftuchs“. Worum geht es da?

Um ein Phänomen, über das keiner etwas weiß. Ich habe zum Beispiel die zeichentheoretische Bedeutung des Kopftuchs untersucht. Die semiotische Theorie dazu war hart; meine Arbeit ist die erste wissenschaftliche zu diesem Thema. Für Unbeteiligte ist erst einmal ganz wichtig: Es gibt nicht nur DAS Kopftuch. Man muss differenzieren: Um was für ein Kopftuch geht es hier? Welche Arten von Frauen tragen es? Gehören sie zum Beispiel der ersten oder zweiten Einwanderergeneration an? Wie wird es kombiniert? Wird es zum Beispiel mit H-&-M-Klamotten kombiniert, spiegelt es die hybride Identität von Deutschtürkinnen.

Der Kabarettist Hagen Rether sagt, es sei auch ein Zeichen von Stolz und Identität. Die Trägerinnen seien oftmals integrierter und emanzipierter als ihre „überassimilierten Arschgeweih-Kolleginnen“.

Auf jeden Fall sind viele Kopftuch-Trägerinnen emanzipierter als eine Sonya Kraus oder eine Verona Pooth. Wie viel selbstbewusster muss eine Frau sein, um in Deutschland, angesichts der hier geführten Diskussionen, ein Kopftuch zu tragen?! Ein Kopftuch kann aber auch ein Rebellionszeichen sein – gegen die Eltern, die den Mädchen zureden, sie sollten doch ein wenig angepasster sein. Es geht eben nicht nur um das Signal: Ich lebe meine Religion.

Sie schreiben: „Das Leben als Deutsch-Türkin in Deutschland ist viel härter als irgendein ‚Gangster-Life’ von Möchtegern-harten-Jungs.“ Inwiefern?

Wenn ich mir Leute wie Bushido oder Sido mit ihrem angeblichen Ghetto-Lifestyle so anschaue, ist das ein Klacks dagegen, wie türkischstämmige Frauen hier leben, mit all ihren Einschränkungen und Problemen – von denen niemand etwas weiß. Weil diese Frauen oft niemanden haben, an den sie sich überhaupt wenden können. Weil es für sie keine Öffentlichkeit gibt. Das hat auch etwas mit Verwahrlosung zu tun. Diese Frauen haben nie gelernt, selbstbestimmt zu handeln, und werden ihr ganzes Leben lang von ihren Eltern kontrolliert. So ergeben sich Doppelleben, Zwangstaten und schlimmstenfalls Depressionen oder Mord. So zu leben, ist meiner Meinung nach härter als das von kleinen Jungs, die noch von ihrer Mami abhängig sind.

Sie selbst gehen extrem offensiv mit Ihrer Identität um, demonstrieren viel Stärke. Und doch ist „Bitchsm“, wie Sie es selbst thematisieren, in einer depressiven Lebensphase entstanden. Ein Widerspruch?

Ich halte es für eine große Stärke, wenn man zu seinen Schwächen steht. Ich habe durch all die Konflikte in meinen Leben Depressionen bekommen und möchte damit auf ganz selbstbewusste Weise an die Öffentlichkeit gehen: als Deutsch-Türkin, mit meiner Identität, mit all ihren Facetten. Die Gesellschaft wird immer schneller, und die Menschen werden immer kranker. Und die Krankenhäuser sind nicht gewappnet für diese Krankheit. Ich habe damals sieben Wochen warten müssen, bis ich einen Therapieplatz bekam. Und als ich dann behandelt wurde, geschah das nicht täglich, wie ich es gebraucht hätte, sondern nur einmal die Woche, weil Personal fehlte.

Sie erwähnen in Ihrem Nachwort den Hannover-96-Torwart Robert Enke, der sich aus seiner Depression heraus das Leben nahm ...

Das Beispiel Robert Enke ist mir sehr nahegegangen. Aber nach der Schweigeminute habe ich mich auch gefragt: Was geschieht jetzt? Was wird getan? Ich hätte mir gewünscht, dass viel mehr passiert. Nehmen wir doch zum Beispiel den depressiven Fußball-Spieler Andreas Biermann, dem der Vertrag nicht verlängert wurde und der Anfang des Jahres erneut einen Selbstmord versucht hat. Die Gesellschaft muss sich verändern. Sie muss endlich verantwortungsbewusster werden. Man kann das nicht mehr aussitzen oder totschwiegen – im wahrsten Sinne des Wortes  ...
Lady Bitch Ray: „Bitchsm“. Vagina Style Verlag/Panini, 482 Seiten, 19,99 Euro.