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Soundtrack der Alpen: Alpenidyll oder Tierquälerei?

Soundtrack der Alpen: Alpenidyll oder Tierquälerei? © Andreas Heimann

Tiere

Kuhglocken-Streit in der Schweiz

Zu einer Alpenwanderung scheinen klingende Kuhglocken zu gehören wie Enzian und Edelweiß. Leiden sie unter der Last und dem Gebimmel? Sind Almwiesen also Schauplätze von Tierquälerei? Mit ihrer Forderung, den Kuhglocken-Brauch zu verbieten, hat die in der Schweiz lebende Holländerin Nancy Holten eine Kontroverse ausgelöst.

Zürich. n Kuhglocken-Brauch zu verbieten, hat die in der Schweiz lebende Holländerin Nancy Holten eine Kontroverse ausgelöst.

"Für Kühe sind die Glocken in etwa so laut, als wenn wir uns einen Presslufthammer ans Ohr halten würden", wettert die dreifache Mutter und Veganerin, die sich auch dagegen engagiert, dass Tiere im Zirkus auftreten. Mit Medienauftritten und der Facebook-Gruppe "Kuhglocken out" kämpft Holten (41) seit rund einem Jahr dafür, den Schweizer Nationaltieren das Glockentragen zu ersparen.

Damit stößt die Holländerin in ihrer Wahlheimat zwar nicht nur auf taube Ohren. Dennoch ist ein Verbot des "Soundtracks der Alpen", wie Schweiz-Tourismus-Sprecher Alain Suter das Kuhglockengeläut nennt, bislang eher unwahrscheinlich. Holtens "Out"-Gruppe ist zwar auf fast 2200 Unterstützer gewachsen. Doch die als Reaktion geschaffene Facebook-Gruppe "Pro Kuhglocken" hat mehr als 17 400 Anhänger.

Über die Glocken-Gegnerin fegte ein Shitstorm. "Geh doch, du holländischer Trottel, geh zurück zu deinen Windmühlen und sammle Tulpen", pöbelte ein Leser im Online-Kommentar seiner Zeitung. Sie habe anonyme Drohbriefe erhalten und jemand habe ihr mit einer Glocke in den Telefonhörer gebimmelt, erzählt Holten.

Groß war die Empörung der Viehwirte über den vermeintlichen Angriff auf uraltes "Brauchtum und Kulturgut". Die Wut vieler Bauern richtete sich auch gegen eine Studie der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich. Die Forschungsarbeit beweise, dass Wiederkäuer in unvertretbar starkem Ausmaß unter dem Gewicht und dem Lärm litten, machten Glockengegner geltend.

Doch als in den Medien bereits mit viel Wirbel über die ETH-Studie berichtet wurde, lag sie noch gar nicht vollständig vor. Erst später wurde bei genauerem Hinsehen klar, dass die Ergebnisse der Untersuchung längst nicht so dramatisch waren, wie in manchen Blättern dargestellt. Da sei wohl einiges nicht richtig kommuniziert worden, sagt ETH-Sprecherin Franziska Schmid.

Zudem hatten die ETH-Forscher darauf hingewiesen, dass umfangreiche weitergehende Untersuchungen erforderlich seien, ehe zuverlässig zu verallgemeinernde Aussagen über Art und Ausmaß einer Beeinträchtigung des Kuhwohlseins durch Glocken möglich wären. Die Studie sei lediglich ein erster Versuch gewesen, sich wissenschaftlich exakt mit möglichen Auswirkungen des Glockentragens für Kühe zu beschäftigen.

Allerdings zeigen die Zürcher Tests bereits durchaus, dass es nicht gänzlich folgenlos ist: An sechs Messtagen bewegten dabei 19 Kühe mit 5,5 Kilogramm schweren Glocken ihre Köpfe seltener als glockenlose Artgenossinnen. Zudem fraßen und ruhten sie weniger. Die Wiederkaudauer war pro Tier mit Glocke um 2,5 Stunden reduziert.

Unklar sei unter anderem geblieben, ob dies durch ein bestimmtes Gewicht oder den Ton der Glocken beeinflussbar sei, sagte Projektleiterin Edna Hillmann. "Mein Gott, sind diese Forscher weltfremd", schimpfte der Präsident des Schweizer Bauernverbands, Markus Ritter, im "Tages-Anzeiger".

Im wirklichen Leben würden Bauern meist leichtere Glocken verwenden als die Forscher in ihrem Versuch. Zudem seien Glocken nun einmal notwendig, um in den weitläufigen Hochtälern der Alpen die Herden zusammenzuhalten und Tiere bei Nebel zu finden.

Die Glockengegnerin macht derweil unbeirrt weiter, inzwischen als Sprecherin einer Interessensgemeinschaft gegen Lärm und für Kuhrechte. Für den Herbst bereiten Holten und ihre Mitstreiter eine neue Kampagne vor, unter dem Motto: "Was du selber nicht gern hast, tue keinem anderen an." Um das zu illustrieren, hat sich Holten auf einer Wiese fotografieren lassen - mit einer großen Kuhglocke um den Hals.

dpa


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