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Papst

Klar im Kopf, müde in den Beinen - Benedikt XVI. wird 90

Der emeritierte Papst Benedikt feiert runden Geburtstag - und ist froh, wenn es wieder vorbei ist. Der Pontifex im Ruhestand ist geistig fit, aber körperlich schwach. Regiert er aus dem Verborgenen immer noch mit im Vatikan?

Rom - . Die Haushälterinnen sind dabei, der Bruder reist an und Papst Franziskus schaut vermutlich auch vorbei. Wenn der emeritierte Papst Benedikt XVI. diesen Ostersonntag 90 wird, soll es ruhig zugehen. „Große Feierlichkeiten sind ihm ein Gräuel, vor allem, wenn er im Vordergrund steht. Weil er ein eher schüchterner Mensch ist, ist er froh, wenn es wieder vorbei ist“, sagt sein Biograf Peter Seewald, der ihn öfter getroffen hat.

Klar im Kopf, aber müde in den Beinen, so ist laut seinem Privatsekretär Georg Gänswein der Zustand Benedikts, der vor vier Jahren mit einem spektakulären Rücktritt einen Strich unter sein Pontifikat zog. Beten, Lesen, hie und da Besuche empfangen oder ein Spaziergang mit dem Rollator - so sieht der Alltag von Joseph Ratzinger aus. Seine körperliche Verfassung lässt es nicht mehr zu, an großen öffentlichen Veranstaltungen teilzunehmen. „Natürlich ist er körperlich nicht mehr 18“, sagt Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Chef der Glaubenskongregation. „Aber was sehr wichtig ist, dass er im Geist noch ganz klar ist. Denken, Lesen, alles geht wie immer.“

Der Bayer, der schon vor seiner Zeit als Papst den Vatikan wie kaum ein anderer über Jahrzehnte geprägt hat, lebt heute zurückgezogen in dem Kirchenstaat. Wenige Meter von seinem Nachfolger Franziskus entfernt und immer noch mitten im Machtzentrum der katholischen Kirche.

„Das Verhältnis der beiden ist gut, aber nicht intensiv. Nicht so, als passe kein Blatt Papier zwischen die beiden“, sagt Seewald. Franziskus sucht hin und wieder Rat bei Benedikt, der sich wiederum weiter für seine theologischen Themen interessiert. „Ein Papst geht ja nicht einfach in den Ruhestand. Er ist kein Pensionist, der jetzt Rosen züchtet“, so Seewald.

Aber auch wenn immer wieder interpretiert wird, dass Benedikt als „Schattenpapst“ - wie der Theologe Hans Küng nach dem Rücktritt warnte - neben Franziskus walte: Die Beziehung der beiden ist von Respekt gezeichnet. „Mitregieren“ tut Benedikt nicht, zu schwach ist er körperlich, zu stark setzt sein Nachfolger eigene Akzente. Die Zeit, als der Deutsche Papst war, scheint vielen wie Lichtjahre entfernt. Franziskus hat mit seiner offenen Art die Herzen vieler Gläubiger im Sturm erobert. „Vielleicht bin ich ja tatsächlich nicht viel genug unter Menschen gewesen“, bekannte Benedikt in Seewalds Interviewband.

In Deutschland gehört die „Wir sind Papst“-Euphorie der Geschichte an. Am Ostermontag wollen dafür Gebirgsschützen, Trachtler und Ministerpräsident Horst Seehofer aus Bayern nach Rom kommen. Benedikts Herz schlägt eben immer noch für blau-weiße Tradition - schließlich ist er im oberbayerischen Marktl geboren. Zudem steht ein Besuch von Kardinal Reinhard Marx, dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, an.

Joseph Ratzinger haftet aus seiner Zeit als langjähriger Chef der mächtigen Glaubenskongregation das Bild vom „Panzerkardinal“, vom konservativen „Hüter des Glaubens“ an. Auch wenn weit nicht mehr alle im Franziskus-Fieber sind und sich auch gegen den „Pop-Papst“ immer mehr Kritik richtet: Der Kontrast zwischen den beiden könnte nicht größer sein. Hier der emotionale Südamerikaner, da der zurückhaltende Deutsche. Hier der Volksnahe, da der Intellektuelle. Hier der spontane Redner, da der brillante Theologe.

Nachdem Benedikt nach dem Tod von Johannes Paul II. das Amt im April 2005 übernommen hatte, herrschte zunächst Begeisterung. Doch Benedikt schaffte es nicht, den Graben zwischen den Gläubigen und der Kirche zu schließen. Die Aufhebung der Exkommunikation des Holocaust-Leugners Richard Williamson und der Missbrauchsskandal, der die Kirche an den Abgrund brachte, prägten sein Pontifikat.

Auch jetzt wird noch spekuliert, was der Grund für seinen Rücktritt im Februar 2013 war. Benedikt selbst hat es als „Unsinn“ zurückgewiesen, dass Intrigen und Machtkämpfe im Vatikan der Auslöser dafür waren. Er sei körperlich einfach nicht mehr in der Lage für die Lasten des Amtes gewesen.

Nun, an seinem Geburtstag, kann er sich fern des Trubels über eines freuen: Er wurde an einem Karsamstag geboren. Eine Tatsache, die ihn tief beeinflusst hat. Sein Neunzigster fällt auf einen Ostersonntag, das christliche Fest der Auferstehung. Das allein genügt ihm wohl, denn laut seinem drei Jahre älteren Bruder Georg Ratzinger hat der emeritierte Papst „ja alles“. Einen Wunsch hat der Bruder dennoch: „Dass der liebe Gott ihm noch ein paar Jahre schenken möge, dass er rüstig und von Leiden verschont bleibt, bis er ins ewige Leben hinübergeht“.

Von Annette Reuther und Paul Winterer