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Kino

Kino-Tipp: "Oslo, 31. August"

Den Morgen seines letzten Tages beginnt Anders (Anders Danielsen Lie) mit einem Bad im See, die Taschen seiner Jacke vollgepackt mit Steinen. Es ist ein recht unbeholfener Versuch, sich zu ertränken.

Der Lebenswille ist jedoch stärker. Noch. Wenig später wird er schweigend in der Therapie sitzen, bevor er für 24 Stunden die idyllisch auf dem Land gelegene Suchtklinik verlassen darf.

Der norwegische Filmemacher Joachim Trier begleitet in "Oslo, 31. August" seinen meist sehr schweigsamen, introvertierten Helden durch diese 24 Stunden mit einem fast dokumentarischen Blick, klaren Bildern und einem aufs Wesentliche reduzierten Plot.

In zwei Wochen wird Anders seine Entziehungskur beenden und dann wieder hinaus in sein altes Leben zurückkehren können. Ein erster Schritt in diesen neuen Lebensabschnitt ist der Bewerbungstermin in einer Osloer Zeitschriftenredaktion. Doch als Anders' Heroinsucht zur Sprache kommt, ist das Gespräch auch schon wieder zu Ende.

"Ich bin 34 Jahre alt. Ich habe nichts", sagt Anders, eindrücklich und einnehmend gespielt von Anders Danielsen Lie. Seine 24 Stunden in Freiheit will der Freigänger nun nutzen, um für sich zu klären, ob er in seinem Leben einfach an diesem Punkt weitermachen kann, an dem es ihn aus der Bahn geworfen hat.

Was genau die Ursache war, die diesen Sohn aus scheinbar geordneten Mittelklasseverhältnissen zum Junkie und Dealer werden ließ, bleibt unklar. Filmemacher Joachim Trier liefert allenfalls Andeutungen, umso genauer zeigt er den empfindsamen Outcast bei seinem Versuch, der stillen Resignation doch noch etwas Hoffnungsvolles entgegenzusetzen.

Anders trifft sich mit ehemaligen Freunden, manche versetzen ihn auch. Er zieht durch Bars, langweilt sich auf einer Party und begegnet Menschen, die ihn lieber nicht mehr kennen möchten. Anders, der offiziell nun als clean gilt, gönnt sich das erste Glas Sekt, knutscht mit einer Frau, klaut Geld und besucht seinen ehemaligen Dealer.

Joachim Triers Flm, der sich sehr frei an den bereits von Louis Malles verfilmten Roman "Das Irrlicht" von Pierre Drieu La Rochelle anlehnt, ist die leise und abgründige Chronik eines Abschiedes. Denn Anders muss für sich erkennen, dass die Welt, wie sie sich ihm nach der langen Zeit in der Drogenklinik offenbart, keinen Platz mehr für ihn bietet. Das Leben der Anderen ist weitergegangen, ohne ihn. Sein eigenes Leben ist einfach stehengeblieben.

Dass Anders dabei alles andere als larmoyant oder schwächlich wirkt, sondern bei klarem Verstand und radikal konsequent, ist nicht nur der Verdienst von Anders Danielsen Lie, sondern auch von Joachim Trier, der diese vergebliche Sinnsuche frei von künstlicher Dramatik und süßlicher Sentimentalität inszeniert hat.

(obr/dapd)