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Kino

Kino-Tipp: Mitternachtskinder

Mit seinem Epos "Mitternachtskinder" hatte sich Salman Rushdie keine einfache Aufgabe vorgenommen. Auf mehr als 750 Seiten schilderte er anhand zweier schicksalhaft miteinander verbundenen Familien 50 Jahre indischer Staatsgeschichte - von der Unabhängigkeitserklärung 1947 bis zur Abspaltung Bangladeschs.

Zugleich verknüpfte der britisch-indische Romancier mythische Motive mit einer sprachmächtigen Fabulierkunst, bei der gesellschaftliche Realität und magische Traumwelt fließend ineinander übergehen. Der 1980 erschienene Roman wurde ein Welterfolg und galt lange als unverfilmbar. Zu viele ausufernde, sich in fantastische Gefilde erstreckende Erzählstränge, als dass man sie auf Spielfilmlänge komprimieren könnte.

Salman Rushdie hat den Versuch gewagt und für das Drehbuch sein überbordendes Buch schonungslos auf ein gradliniges Handlungskorsett reduziert. Üppig und bildgewaltig ist es gleichwohl geblieben. Dafür hat nicht zuletzt Regisseurin Deepa Mehta ("Fire") gesorgt, die das indisch-pakistanische Gesellschafts- und Historienpanorama auf 148 Filmminuten ausgebreitet hat.

Alles beginnt am 15. August 1947. Schlag Mitternacht endet für Indien die Kolonialzeit, und das Land wird in die Unabhängigkeit entlassen. Die Hoffnung auf ein friedvolles Zusammenleben unter eigener Flagge währt allerdings nicht lange. Religiöse und politische Fanatiker hetzen die Menschen aufeinander, Hindus und Muslime bekämpfen sich gegenseitig, das Land stürzt ins Chaos.

In dieser historischen Stunde des 15. August kommen die beiden Jungen Saleem (Satya Bhabha) und Shiva (Bollywood-Star Siddharth) zur Welt und werden von der Hebamme vertauscht. Shiva, der Sohn einer reichen Arztfamilie, wird so das eigentlich Saleem zugedachte Leben eines armen Straßenmusikanten führen. Ihre Wege trennen sich, und Saleem wird zum Spielball der sich überschlagenden politischen Ereignisse. Seine Familie wird in Pakistan durch einen Bombenangriff getötet, er selbst verliert zeitweilig das Gedächtnis und muss sich hilflos durch den Urwald von Bangladesch schlagen. Später wird er Augenzeuge, als die Demokratie aufgehoben und der Notstand ausgerufen werden.

Doch über all die Jahrzehnte bleiben die beiden Jungen auf magische Weise miteinander verbunden. Denn wie alle Mitternachtskinder besitzen auch sie übersinnliche Fähigkeiten. Überraschenderweise hat Deepa Mehta ausgerechnet jene Traumweltszenen uninspiriert umgesetzt. Ansonsten aber fordert, ja überfordert sie ihre Zuschauer geradezu mit ihren prachtvollen, üppigen Bildern und den vielen ineinander verschachtelten Geschichten und Abenteuern.

(dos/dapd)