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Kino

Kino-Tipp: "Ginger & Rosa"

Sie rauchen gemeinsam die erste Zigarette, wagen sich Hand in Hand erstmals auf eine Demonstration, schwänzen zusammen die Schule und sinnieren über das Leben.

Über eines, das ganz anders sein müsste, als jenes, das ihre Eltern führen. In stimmungsvollen, geradezu impressionistisch anmutenden Momentaufnahmen lässt die britische Filmemacherin Sally Potter in "Ginger & Rosa" nicht nur eine unerschütterliche Mädchenfreundschaft auferstehen. Die zunächst fast collagenhaft wirkende Szenenfolge fügt sich zudem leichtfüßig zu einem Porträt von Jugendlichen im Großbritannien der 60er Jahre, das sexuelle Freiheit und politischen Aufbruch versprach.

Ginger (Elle Fanning) und Rosa (Alice Englert), so scheint es, wurden vom Schicksal füreinander bestimmt. Fast zeitgleich sind sie in einem englischen Spital zur Welt gekommen, just an jenem Tag, da auf Hiroshima eine Atombombe niederging.

16 Jahre sind seither vergangen und die Freundschaft der Teenagerinnen erscheint unzerbrechlich. Doch mit dem Erwachsenwerden ändern sich ihre jeweiligen Perspektiven auf das Leben. Rosa, die mit ihrer alleinerziehenden Mutter Anoushka (Jodhi May) aufwächst, träumt von der einzig wahren, ewigen Liebe. Für Ginger hingegen ist das traute Glück zu zweit kein erstrebenswertes Konzept. Dafür liefern ihre Eltern ein zu schlechtes Beispiel.

Der kompromisslos egoistische Vater Roland (Alessandro Nivola) verfällt immer wieder dem Charme seiner Studentinnen - sehr zum Leidwesen von Gingers kontrollsüchtiger Mutter Natalie (Christina Hendricks), die in ihrer Hausfrauenexistenz zunehmend versauert.

Ginger wiederum hat sich, inspiriert von ihrem nonkonformistischen Vater, zu einer politischen Aktivistin entwickelt, die sich von der aufkeimenden Friedensbewegung mitreißen lässt und die Kuba-Krise mit wachsender Panik und Angst vor einer nuklearen Katastrophe verfolgt. Als dann auch noch auffliegt, dass Rosa heimlich eine Affäre mit Roland hat, bricht für Ginger die Welt zusammen.

Regisseurin Sally Potter ("In stürmischen Zeiten", "Orlando") macht es ihren Zuschauern nicht allzu leicht, sich in diese recht langsam entfaltende Geschichte hineinzufinden. Etwas behäbig setzt sie sich in Gang, ein bisschen zu prall und überladen wirkt sie zum Ende hin. Getragen wird das mit leichter Hand inszenierte Coming-of-Age- und Generationendrama von einem erstklassigen Darstellerensemble, das die dramaturgischen Schwächen problemlos auszugleichen versteht.

Insbesondere die zum Zeitpunkt der Dreharbeiten erst 13-jährige Elle Fanning ("Super 8") liefert eine erstaunliche darstellerische Leistung und spielt Ginger als eine vielschichtige Teenagerin, deren emotionale Welt gleichermaßen von rebellischem Enthusiasmus und melancholischem Weltschmerz beherrscht wird.

(obr/dapd)