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Kino

Kino-Tipp: "Das Wochenende"

Nach 18 Jahren Gefängnis wird Ex-Terrorist Jens (Sebastian Koch) entlassen und von seiner Schwester Tina (Barbara Auer) abgeholt. Sie hat für Jens in ihrem geerbten Landhaus ein Wiedersehen mit seinen einstigen Weggefährten arrangiert.

So wird im Drama "Das Wochenende" der grimmige Jens ohne mentale Vorbereitung auf eine Handvoll arrivierter Wohlstandsbürger losgelassen. Die Adaption von Bernhard Schlinks gleichnamigem Roman von 2008 ist mit Sebastian Koch, Barbara Auer, Katja Riemann und Tobias Moretti prominent besetzt.

Schließlich handelt es sich auch um ein wichtiges Thema. Denn die Aufarbeitung der RAF-Epoche treibt nicht nur damalige Zeitzeugen um. In bestimmten Milieus kennt jeder jemand, der mal jemanden kannte, der diesen und jenen späteren Terroristen damals in einer WG oder in einer Kneipe...

Schlinks Roman war von dem Tauziehen um die Entlassung Christian Klars, eines Terroristen der dritten RAF-Generation, inspiriert. Der Film jedoch, von Nina Grosse "nach Motiven" von Schlink gedreht, beschränkt sich auf nur wenige Personen und setzt andere Akzente. Die wichtigste Änderung besteht darin, dass die Hauptfigur nicht krebskrank und auch sonst putzmunter ist.

So tauchen in dem idyllischen Landhaus Jens' Ex-Geliebte Inga (Katja Riemann), eine Literaturagentin, und ihr Mann, der erfolgreiche Konfiserie-Besitzer Ulrich (Tobias Moretti), auf - außerdem Jugendfreund Henner (Sylvester Groth), der aus seiner Zeit als RAF-Kenner literarisch Kapital geschlagen hat und ein bekannter Schriftsteller ist. Später kommen die gemeinsame Tochter des Paares, Doro, und ihr Halbbruder, Jens' Sohn Gregor, hinzu.

Jens will vor allem wissen, wer ihn einst an die Polizei verraten hat. Als er die in seinem Plattenspieler versteckte Pistole holt, fürchtet man das Schlimmste. Doch der alte Radikalinski hat nicht mit Gregor gerechnet, der seinerseits seinen Erzeuger, der ihn stets links liegen gelassen hatte, radikal angeht.

Spaziergänge im Wald bieten zwar Entlastung vor den schnell aufbrechenden Konflikten. Dennoch hat die mütterliche Tina alle Hände voll zu tun, um die Gemüter zu besänftigen. Pralinenmacher Ulrich, von Tobias Moretti als provozierenden Genussmensch gespielt, wird mit Sprüchen wie "Ihr wart doch Killer!" zur Stimme des Volkes.

Henner sieht Jens' blutige Vergangenheit ironisch: "Du bist Pop!" sagt er zu dem Ex-Terrorist, dessen Fahndungsfoto auf den T-Shirts von Berliner Hipstern prangt. Das findet auch Doro, eine dumme kleine Tussi, die den Politnik anschwärmt - und zugleich eine fiese Intrige einfädelt. Und zwischen Jens und Inga brennt die Luft, von Anfang an.

Jens wird von Sebastian Koch als verbiesterter Wiedergänger aus den politisierten Siebzigern gespielt. Er mimt einen dauerrauchenden Vulkan kurz vorm Ausbruch und bellt ab und zu Vokabeln wie "Bullen" und "reaktionäre Denke" heraus. Wenn Tina beim Shopping im brandenburgischen Supermarkt stirnrunzelnd zwischen Serrano- und Parmaschinken schwankt, rollen sich dem Antikapitalisten sichtlich die Fußnägel hoch. Als egozentrisches Alphatier ist Jens' Charakter allerdings zu plakativ, vollzieht sich seine spätere Wandlung allzu unvermittelt, um glaubhaft zu sein.

Das Psychodrama hat nicht genug Biss und bietet auch schlicht nicht genug Material, um das Spannungsfeld zwischen damals und heute anschaulich zu machen. Wichtige zeitgeschichtliche Details bleiben ungesagt. Das führt dazu, dass - trotz intensiver Szenen - das Verhalten der Charaktere manchmal unmotiviert theatralisch wirkt.

Vor allem fehlt es an Humor: Wie viele tragikomische Nuancen hätte der Culture Clash zwischen der Epoche der "Latschdemos" und einer Zeit, in der man sich lieber beim Joggen abreagiert, hergegeben! Stattdessen wird in einer fadenscheinigen Wende eine ranzige Affäre aufgewärmt. Eine recht matte Auseinandersetzung mit den alten Geschichten.

(obr/dapd)