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IM OKTOBER IN HANNOVER: James Blunt geht auf Tour.

IM OKTOBER IN HANNOVER: James Blunt geht auf Tour.
 © PAP

NP-Interview

James Blunt: „Mutter hat immer recht“

Er ist der Life-Guard-Offizier mit der Gentleman-Stimme: James Blunt (43) bringt am 21. Oktober in der Tui-Arena die Herzen seiner Fans zum Schmelzen. Die NP sprach mit ihm über sein neues Album, über den Brexit und die politische Situation in Europa und über seine Freundschaft zu einem anderen Liebling der Musikszene – dem Shootingstar Ed Sheeran.

Hannover. Drei Jahre nach „Moon Landing“ erscheint nun „The Afterlove“. Das fünfte Album, so heißt es, ist das schwierigste.

Sagt man das so? Bei mir lief’s aber definitiv gut. Zwar war viel los, ich habe geheiratet, habe inzwischen auch ein Kind und war viel auf Reisen, aber als es losging mit dem Songschreiben, wurden es immer mehr Lieder. Statt der üblichen 25 waren am Ende 100 Songs da. Insofern war es natürlich in der Tat mehr Arbeit.

Auf dem Cover sehen Sie zwar aus wie ein Mitglied von Kraftwerk im Freizeitmodus, aber alle Sound-Neuerungen sind moderat. Waren Ihre Bedenken übertrieben?

Nein, denn natürlich bist du immer nervös, wenn eine neue Platte veröffentlicht wird. Du hast hart gearbeitet, alles reingesteckt, bist stolz und zugleich total unsicher.

Ed Sheeran arbeitete an „Make me Better“ mit, dem Song, in dem Sie Ihr Ehe- und Vaterglück in die Welt hinaussingen. War das schwer, ihn in so einem intimen Song zuzulassen?

Nein, Ed war wichtig. Als Freund riet er mir, offener zu sein, mich in den neuen Songs nicht wieder hinter Andeutungen zu verstecken wie sonst. Und so habe ich in „Make me Better“ geschrieben, wie ich mich als Ehemann und Vater fühle. Jeder kann mein Glück hören. Und ich muss nicht in Interviews darüber reden.

In „Someone Singing Along“ geht es gegen Rassismus, kapitalistische Gier, das Bauen von Mauern ...

Das ist mein Statement zur Welt von heute, in der die Unterschiede betont werden, wo es doch so viel gibt, das uns Menschen vereint. Wir müssen dafür die Stimme erheben, für die Freiheit auf die Straße gehen, zusammen singen. Gemeinsam sind wir stark, gemeinsam werden wir glücklicher.

Wäre der Protestsong auch ein Genre für Sie?

Wer weiß? Wir werden sehen, wohin die Reise geht. Wir leben in Zeiten, in denen die Musik gut daran tut, Trennendes zu überwinden.

Europa driftet auseinander. Wie sehen Sie das als Engländer, der auf Ibiza lebt?

Als Musiker bin ich viel unterwegs, und ich liebe, was die einzelnen Länder und Völker ausmacht. Ich liebe das Spezielle an Deutschland, ich bin oft hier, und Deutschland ist wunderbar auf so viele Arten. Und dann freue ich mich, wenn ich in Italien ankomme und es dort ganz anders zugeht. Ich genieße die unterschiedlichen Mentalitäten. Es ist schon wichtig, die Flagge des eigenen Landes wehen zu lassen, aber auch, die Flagge des Nachbarn hoch zu halten.

Ist Ihnen die Idee Europa wichtig, oder ist der Brexit die Möglichkeit, sich wieder stärker auf die britische Identität zu fokussieren?

Ich bin kein Politiker, aber wir sind doch stärker als Team. Ich war beim Militär, ich weiß das.

Der Labour-Abgeordnete Chris Bryant hat mehr Arbeiter- und weniger Bürgerkultur gefordert und bei Letzterer auch auf Sie verwiesen.

Er hat es gut ge­meint, aber die falschen Worte gewählt. Es ist äußerst wichtig, Leuten dabei zu helfen, Künstler werden zu können. Kunst darf nicht zur Sache des Vermögens werden. Aber um jemandem in die Krone des Kunstbaums zu helfen, sollte man ihm eine Leiter reichen und nicht Pfeil und Bogen.

Ihren Hit „You’re Beautiful“ von 2005 zitieren Sie auf „The Afterlove“ in den Songs „Love me Better“ und „Paradise“.

Ohne das Lied wäre ich nicht hier, würde nicht mit Ihnen sprechen, ginge ich nicht auf meine fünfte Welttour. Es ist verrissen worden, aber es ist ja auch immer einfach, alles runterzuschreiben. Immerhin ist es zig Millionen Mal ganz freiwillig von Leuten aufgelegt worden. Ich liebe dieses Lied, ich habe ihm sogar einen ganzen Song gewidmet: „2005“.

Ein Song für einen Song?

() Wir haben ihn nur auf die Extended Edition ge­packt. Er soll eine Spezialität für die Hardcorefans sein.

Der „Daily Telegraph“-Journalist Peter Hardy hat erzählt, er habe Ihr Debütalbum damals vorab mit Ihrer Mutter im Auto in der Auffahrt hören müssen. War Musik verpönt im Hause Blunt?

Das stimmt. Bei meinen Eltern im Haus gibt’s keine Stereoanlage. Als ich ein Kind war, hörten wir die Beach Boys und die Beatles im Auto. Nur Pink Floyds „Wish you Were Here“ nicht, obwohl ich dieses Album liebte. Als ich ein Teenager war, kaufte ich mir dann aber eine Anlage für mein Zimmer, so eine mit richtig großen Boxen. Das war kein Problem.

Wie fanden es Ihre Eltern, als ihr Sohn, der Soziologe und Captain der Life Guards, Popstar werden wollte?

Meine Mutter ist musikalisch, mein Vater nicht so, er liebt das Landleben und ist die meiste Zeit draußen. Er hatte Vorbehalte. Musik war ihm zu unbeständig, um mit ihr seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber ich sagte ihm: Darum geht’s nicht. Wenn ich alt bin und mir dann sagen muss, ich wollte mal ein Musiker werden, hatte aber zu viel Angst, wäre das ein vergeudetes Leben gewesen. Und ich sagte ihm, dass Erfolg in der Musik nicht unbedingt in Geld zu messen ist. Es geht um das Lächeln auf deinem Gesicht.

Wie sieht er das heute?

Er ist mein größter Unterstützer. Überhaupt sind wir als Familie eng miteinander, ein gutes Team. Meine Schwestern waren als Backgroundsängerinnen mit auf Tourneen. Das sind die Leute, die dich am Boden halten, wenn du abhebst, die dir den Kopf waschen.

Hören Sie auf sie?

Klar. Mutters Meinung tut weh – aber sie hat immer recht.

Sie wären fast Sir geworden. Beim Versuch eines Party-Ritterschlags von Prinzessin Beatrice wurde Ihr Freund Ed Sheeran an der Wange verletzt.

Was für eine Geschichte! Zu lächerlich, um wahr sein zu können, oder? Das kommt von Ed, das sollte ihm wohl helfen, mehr Platten zu verkaufen. Er verkauft ja angeblich nicht mehr so viele.

Gehen Sie mit ihm deshalb auf Amerikatour – um seinen Verkauf anzukurbeln?

Oh, diese Tour ist doch noch gar nicht angekündigt. Was lernen wir daraus? Dass Ed Sheeran nichts für sich behalten kann. Sagen wir so: Wenn es eine solche Tour gäbe, wäre das eine Gelegenheit, die ich gern ergreifen würde. Das wäre schon ein großer Spaß.

Von Matthias Halbig