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Datenklau

Hollywoods Angst vor den Hackern

Mehr als Produktpiraten fürchtet die US-Filmindustrie inzwischen Cyberverbrecher. Der Klau von internen Mails und Firmengeheimnissen kann viel größeren Schaden anrichten als illegale Raubkopien von Filmen.

NEW YORK. Von raubkopierten DVDs bis zu illegalen Video-Uploads auf Seiten wie „The Pirate Bay“: Mit Produktpiraterie ist Hollywood schon so lange vertraut, dass der Umgang damit fast zur Routine geworden ist. Doch darüber hinaus haben Cyberkriminelle es nun auch auf brisante Kommunikation und andere Unternehmensgeheimnisse abgesehen. Und der mögliche Imageschaden durch geleakte E-Mails ist viel schwieriger zu kalkulieren als das finanzielle Risiko durch Piraterie.

„In gewisser Weise kann das Risiko höher sein, weil man unmöglich wissen kann, was in diesen E-Mails steht“, sagt Erik Rasmussen von der Firma Kroll Cyber Security.Der katastrophale Präzedenzfall, den alle Experten im Hinterkopf haben, ist der Sony-Hack aus dem Jahr 2014. In Erinnerung blieb nicht, dass unveröffentlichte Filme durchsickerten. Sondern das Chaos inmitten einer Abschaltung des Netzwerks und die Enthüllung abfälliger Äußerungen über Schauspielstars wie Angelina Jolie und Leonardo DiCaprio sowie den damaligen Präsidenten Barack Obama.

Ein ähnlicher, wenn auch weniger gravierender Angriff traf kürzlich den US-Fernsehsender HBO.Doch dass sich die Aufmerksamkeit momentan vor allem auf gehackte E-Mails richtet, heißt nicht, dass Hollywood sich um Piraterie keine Sorgen mehr macht. In Online-Foren, in denen Kriminelle „ihre unrechtmäßig erworbene Ausbeute bewerben“, nehmen Unterhaltungsinhalte inzwischen buchstäblich feste Rubriken ein, wie Rasmussen sagt.

Teils herrscht die Meinung vor, Videoleaks könnten das Interesse der Medien und der Zuschauer an einer Show oder einem Film steigern. Doch für die Filmindustrie mindern sie zunächst die Einnahmen, vor allem wenn sie vor der offiziellen Veröffentlichung auftauchen, wie Experte Michael Smith von der privaten Forschungsuniversität Carnegie Mellon im US-Staat Pennsylvania erklärt.In einer Analyse aus dem Jahr 2014 wiesen Smith und seine Coautoren nach, dass die Einnahmen an der Kinokasse im Durchschnitt um 19 Prozent sinken, wenn ein Film vor dem Start illegal verbreitet wird - im Vergleich zu einem Leak nach dem Kinostart.

Ein Weg, den Piraten ein Schnippchen zu schlagen, besteht in der umfassenden und günstigen Bereitstellung der Programme. So bietet Netflix zu einem monatlichen Festpreis weltweit etliche Shows und Filme leicht zugänglich an. Im April stellten Hacker die meisten neuen Episoden der Erfolgsserie „Orange is the New Black“ ins Netz, die Netflix erst Anfang Juni offiziell veröffentlichte.

Doch das schien die Fans nicht abzuschrecken. Zwischen April und Juni verzeichnete das Unternehmen mehr als fünf Millionen neue Abonnenten. Das war der bislang größte Anstieg in einem zweiten Quartal.Auch Folgen der HBO-Kultserie „Game of Thrones“ sickerten schon mehrfach vorab durch, die Produktion ist die meistgehackte Fernsehshow überhaupt.

Ihr Erfolg ist trotz der Hacks bei Zuschauern und Kritikern ungebrochen. Vom jüngsten Cyberangriff war die Serie nicht betroffen, dieser richtete sich gegen Episoden von „Lass es, Larry!“, „Insecure“, „Ballers“ und anderer Produktionen. Für HBO war es ein Segen, dass keine vollständigen Staffeln illegal veröffentlicht worden. So mussten Zuschauer immer noch ein Abo abschließen, um eine gesamte Serie zu sehen.

Im jüngsten HBO-Fall verlangten die Hacker ein Lösegeld in Höhe von mehreren Millionen Dollar, was der Sender aber ablehnte. Möglicherweise seien die Anbieter schon so sehr an Piraten gewöhnt, dass die Drohung mit einem Leak mehrerer Serien-Folgen nicht ausgereicht habe, um eine derart hohe Zahlung zu erzwingen, sagt Alex Heid von der Risikomanagement-Firma SecurityScorecard.

„Raubkopierte Inhalte landen innerhalb von 24 Stunden nach der Ausstrahlung auf Pirate Bay“, erklärt er.“Doch die Hacker veröffentlichten auch eine E-Mail von HBO, in der das Unternehmen für von seinen Servern abgezogene Daten eine Zahlung von 250 000 Dollar anbot. Offenbar handelte es sich dabei um Kontaktdaten von Hollywood-Schauspielern, E-Mails sowie vertrauliche interne Dokumente wie Briefe mit Jobangeboten und Drehbücher für künftige Serien-Episoden.

Im Sony-Fall waren Tausende interne Mails und Dokumente in die Hände von Hackern gelangt, darunter Informationen über Gehälter von Beschäftigen. Die Empörung über eine rassistische Bemerkung der Co-Vorsitzenden Amy Pascal über Obama zwang die Managerin nach wenigen Monaten zum Rücktritt. Der Hackerangriff beschädigte den Ruf von Sony schwer und kostete den Konzern nach eigenen Angaben 41 Millionen Dollar für Aufklärung und Wiedergutmachung.

Die Erfahrung lehrt die Studios nun, vorsichtiger zu sein. „Ich kenne Leute in der Industrie, die keine Geschäfte mehr über E-Mail machen“, sagt Forscher Smith. „Sie schließen Deals am Telefon ab, weil diese Gespräche nicht archiviert werden.“ Auch der frühere Sony-Filmproduktionschef Michael Lynton sagte im vergangenen Jahr, statt der E-Mail „ist jetzt mein Faxgerät von großem Nutzen“.

Von Tali Arbel, AP