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Hitler-Tagebücher: "Blind vor Euphorie"

Es war einer der größten Presse-Skandale Deutschlands, und so richtig davon erholt hat sich das Hamburger Magazin "Stern" nie. Vor knapp 30 Jahren erschien der "Stern" am 28. April mit dem sensationellen Titel "Hitlers Tagebücher entdeckt".

Es sollte der Beginn einer monatelangen Serie werden, doch bereits wenige Tage später erklärte das Bundesarchiv, die vermeintlichen Tagebücher seien "plumpe Fälschungen".

Der "Stern"-Reporter Gerd Heidemann hatte im Auftrag von Gerd Schulte-Hillen, dem Vorstandsvorsitzenden des Verlags Gruner + Jahr, in dem der "Stern" erscheint, für 9,3 Millionen Mark 27 "Hitler-Tagebücher" vom Stuttgarter Fälscher Konrad Kujau gekauft. Von den drei amtierenden Chefredakteuren traten Peter Koch und Felix Schmidt zurück. Schmidt (78) hat ein Tagebuch über die Skandal-Tagebücher geführt, die nun in der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlicht werden. Die Auszüge belegen eine "Tagebuch-Euphorie", die blind gegen alle Bedenken machte, wie Schmidt berichtet:

"Im April 1982 teilt uns Schulte-Hillen mit, dass weit mehr als die ursprünglich angenommenen 27 ,Hitler-Tagebücher' existierten. Der ,Führer' wird immer mitteilsamer, die Kladden werden immer dicker - und teurer."

"Heidemann hat uns allen Ernstes auch einmal erzählt, Bormann (Hitlers Privatsekretär) habe ihn wissen lassen, er betrachte ihn ,als eine Art Parzival', den er in seinen Orden aufnehmen werde. Auch nach solchen und ähnlichen Mitteilungen denkt keiner daran, an Heidemanns Geisteszustand zu zweifeln. Die ,Hitler-Tagebuch'-Euphorie hatte uns alle gepackt."

"Gegen fünf Uhr früh am Samstag, 7. Mai, rückt Heidemann mit dem Namen des Mannes heraus, der ihm die Tagebücher vermittelt hat: Konrad Fischer in Bietigheim-Bissingen bei Stuttgart. (...) Der nach Bietigheim beorderte Leiter des Frankfurter "Stern"-Büros braucht knappe drei Stunden, um herauszubekommen, dass Konrad Fischer in Wahrheit Konrad Kujau heißt und ein Militariahändler ist."

Wie konnte das alles geschehen?, fragt "bild.de". Dazu Schmidts Fazit: "Durch die Kungelei zwischen Vorstand und zwei Redakteuren, durch die Verwischung der Zuständigkeiten über alle hierarchischen Instanzen hinweg (entstand) ein Klima, in dem sich keiner mehr so richtig verantwortlich fühlte (...)." Der Skandal wurde vom Münchner Regisseur Helmut Dietl mit der hinreißenden Satire "Schtonk" verfilmt.

(LeoNell/spot)