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Konzert

Hamburg: Lana del Rey überzeugt

Ein paar Konzerte hat sie erst in Deutschland gespielt, mehr als ein Jahr ist das her. Wenige wussten damals, dass Lana del Rey groß werden und ihr Album „Born To Die“ zu einem der erfolgreichsten des Jahres avancieren würde. Kaum jemand in der Hamburger O2-World hat sie schon live gesehen, seltene TV-Auftritte ließen kaum eine Vorstellung zu, wie sie 90 Minuten Konzert füllen wird.

Hamburg. Kurz nach 21 Uhr fällt der Vorhang. Del Rey beginnt ihre Deutschland-Tour in einer Kulisse, die an ein verfallenes Hotel aus den glamourösen Hollywood-Zeiten erinnert, umrahmt von massiven Löwen-Statuen. Am Verstärker hängt die amerikanische Flagge, Palmen assoziieren, dass alles irgendwie auf der Sonnenseite des Lebens geschieht, Kerzen und schwarze Krähen-Figuren widersprechen. Die 26-Jährige verkörpert in dieser schweren, fast überladenen Kulisse mal die verletzte Diva, die in der verrauchten Bar die Männer in den Glanzzeiten des Hotels betörte und deren Ende nicht akzeptiert. Dann wird sie zu der jungen Amerikanerin, die nicht glauben kann, dass ihre Songs, die nach besagtem Setting klingen, nun in einer fast ausverkauften Großraum-Mehrzweckhalle vorgetragen werden. Dass sie so aus der auferlegten Rolle fällt, verhindert, dass die Show ermüdet. Zudem scheut sie den Kontakt zur Menge nicht. Immer wieder steigt sie in den Bühnengraben, schreibt Autogramme, schüttelt Hände. Viel zu umgänglich für eine echte Diva - und entsprechend erfreulich.

 

Hauptsächlich aber schreibt und singt del Rey melancholische Songs. Darüber etwa, mit Marilyn Monroe, Elvis und Jesus im Mondlicht zu tanzen („Body Electric“), von Geigen untermalt, die eine Endzeitstimmung erzeugen und von dem gescheiterten amerikanischen Traum erzählen. Die Songs sind finstere Kommentare zum unerreichbaren Ideal einer absoluten Freiheit, das zu einer wachsenden Depression führt, die oft nur in Alkohol ertränkt erträglich wird. Der propagierte Exzess, in dessen Kontext sich in Hamburg ein Nirvana-Cover („Heart-Shaped Box“) ebenso fügt wie ihre Variante von „Knockin’ On Heaven’s Door“. Sie gelingen so gut wie der Rest des gesanglichen Vortrags, der von einer erstklassigen Band und einem Streicherquintett untermalt wird. Dazu baut del Rey weitere Ebenen in ihr durchdachtes Schaffen, dessen Qualität in der öffentlichen Bewertung oft hinter die optische Erscheinung – Stichwort Lippen – gedrängt wird. In der Videoprojektion im Hintergrund laufen Verweise aus dem Psalm 51. „Ich habe getan, was du verabscheust. Darum bist du im Recht, wenn du mich schuldig sprichst"; besagt der.

Lanas Texte sind getragen von einer Außenseiter-, oft Aussteiger-Mentalität, die auf der banalen Weisheit „Man lebt nur einmal“ und der Hinterfragung der größten amerikanischen Werte - Ruhm, Geld - und Jesus – basieren und sich gleichzeitig vor dem Hollywood verbeugen, dem James Dean entstammt. Die Geschichten enttäuschter Liebe, wie sie ihre Radio-Hits „Summertime Sadness“ und Übersong „Video Games“ erzählen, sind da Puzzlestücke eines Gesamtkunstwerks, begeistern das Publikum aber am meisten. Erfreulich ist, dass die getragenen, selten auch am pompösen Kitsch kratzenden Songs allesamt in diesem großen Rahmen funktionieren. Wenn der besungene Lebensstil die Künstlerin nicht zur Nachahmung inspiriert, könnte ihr Großes bevorstehen. In „Gods And Monsters“ singt sie: „Das Leben imitiert die Kunst“. Bitte nicht.

Sebastian Scherer

  • Weitere Termine: Berlin, 15.4; Düsseldorf, 17.4.; Frankfurt 20.4.; München 25.4..