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© Pascal Buenning

Musik

Gentleman: "Einfach mal abschalten"

Seit 20 Jahren steht Reggae-Musiker Gentleman, der mit bürgerlichem Namen Tilmann Otto heißt, bereits auf der Bühne. Pünktlich zum Jubiläum erschien am Freitag sein sechstes Studioalbum "New Day Dawn".

Mit der Nachrichtenagentur spot on news hat er über Fortschritt und kulturelle Verwahrlosung gesprochen.

Ihr Video zu "You Remember" wurde vorab auch auf YouTube veröffentlicht. Eigentlich skurril, heißt es doch im Text: "No facebook, no youtube". Was stört Sie denn an den neuen Medien?

Gentleman: Ich singe ja auch `Technology is a good thing', ich will die Zeit also nicht zurückdrehen. Aber ich vermisse in dieser immer schnelleren technologischen Welt das Persönliche, die Individualität eines Briefes zum Beispiel. Mir kommt es so vor, als würden wir in einer Matrix leben und die Realität geht dabei ein bisschen verloren. Wir müssen die neuen Medien nutzen - nicht die neuen Medien uns.

Fortschritt macht Sie nicht glücklicher?

Gentleman: Nein. Ich gehe immer mit der Zeit und bin sehr froh, im Jahr 2013 zu leben. Aber mir ist die Entschleunigung wichtiger. Ich muss nicht permanent irgendwas in mein Smartphone reinhacken. Stattdessen: Runter kommen, einfach mal nicht erreichbar sein, abschalten.

Glauben Sie, dass das Internet generell zu einer kulturellen Verwahrlosung beiträgt?

Gentleman: Alles spielt sich nur noch zwischen den Kategorien ,Liken', ,Disliken' und ,Shitstorm' ab. Das ist schade. Aber ich glaube an das Gleichgewicht auf der Welt. Diese ganze Schnelligkeit wird sich wieder relativieren, wenn die Leute merken, dass eine persönliche Begegnung durch nichts zu ersetzten ist.

"New Day Dawn" klingt nach Neuanfang. Was bedeutet der Titel für Sie?

Gentleman: Ich habe Tage, an denen ich denke: ,Alles ist Mist und die Welt geht vor die Hunde'. Einen Tag später bin ich dann aber wieder voller Hoffnung und gut drauf ohne, dass sich etwas dramatisch verändert hat. Ich nehme an, das geht den meisten Menschen so. Wir alle haben jeden Tag die Möglichkeit neu anzufangen und Dinge aus einer anderen Perspektive zu sehen als am Vortag. Auch wenn das in diesem Land nicht immer einfach ist, weil wir Deutschen im Vergleich zu anderen Ländern schon zu einer gewissen Hysterie neigen. Wenn ich da an die Debatten um Schavans Doktortitel oder Brüderles Dekolleté-Aussage denke, fällt mir nicht mehr viel ein. Wir sind alle so wahnsinnig korrekt und jede Aussage wird auseinander genommen.

Sie sind am Freitag 39 Jahre alt geworden und haben verlauten lassen, etwas mehr auf Ihre Gesundheit achten zu wollen. Angst vor dem Altwerden?

Gentleman: Ich genieße es gerade sehr, alles klar zu sehen und Dinge bewusst wahrzunehmen. Und wenn ich eine große Tour absolviere, muss ich auch auf meinen Körper achten. Wenn ich mich da jeden Abend zurauche und besaufe, kann ich das Pensum gar nicht absolvieren. Das ging früher vielleicht mal.

(mih/spot)