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Boulevard „Es ist Magie!“: Slide-Gitarrist Ry Cooder wird 70
Menschen Boulevard „Es ist Magie!“: Slide-Gitarrist Ry Cooder wird 70
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21:37 09.03.2017
Ry Cooder. Quelle: imago stock&people
Los Angeles - 

Das ganz große Geld macht Ry Cooder mit seinen Plattenverkäufen nicht, aber vielleicht ist das auch gar nicht so wichtig. Seine Fingerfertigkeit an der Gitarre führte den Virtuosen nicht nur durch einen bemerkenswerten Mix musikalischer Genres, sondern auch an die Seite einiger der besten Instrumentalisten aus Kuba, Indien, Mali und Hawaii. Am 15. März feiert der in Los Angeles geborene Meister des Slide-Gitarrenspiels seinen 70. Geburtstag.

Vier Jahre war Ryland Peter Cooder eigener Aussage zufolge alt, als ihm ein Geiger Anfang der 1950er Jahre seine erste Gitarre schenkte. Ein „Linker“ sei das gewesen, ein „commie guy“ und „pinko man“ - ein Kommunisten-Typ also und einer, dessen politische Haltung zwar nicht rot, aber eben „pink“ war und dem damals gefürchteten Kommunismus nahestand. „Ich glaube, er wusste, dass ich Musik mochte und dass ich gut darin sein würde“, erinnerte sich Cooder im 2012 erschienenen Buch „The American Spring: What We Talk About When We Talk About Revolution“.

Von den vielen „Okies“, die aus Oklahoma nach Westen bis Kalifornien strömten, beeindruckte den jungen Cooder vor allem einer: Woody Guthrie, der die amerikanische Seele mit Folk- und Blues-Takten in Noten und Liedtexte goss, die bis heute nachwirken. Der Radiosender KXLA aus Pasadena lieferte den Sound von Cooders Jugend, das Plattenlabel Folkways Records die Musik von Pete Seeger. Während die USA unter Senator Joseph McCarthy über die Gefahren des Kommunismus stritten, zupfte Cooder immer schneller und immer besser an der Gitarre, dem Banjo und der Mandoline.

Ob als Solo-Künstler, Komponist von Filmmusik oder in Jam-Sessions: Ry Cooder wuchs seit Beginn seiner Profi-Karriere bei Sängerin Jackie DeShannon im Alter von 16 Jahren zu einem der vielseitigsten Gitarristen des Landes heran. Mit Taj Mahal spielte er eine Mischung aus Blues und Country, versuchte sich bei Captain Beefheart und seiner experimentellen Formation The Magic Band und zierte als technisch hervorragender Slide-Gitarrist bald Stücke der Rolling Stones sowie von Van Morrison, Eric Clapton und Randy Newman.

Genre-Grenzen schien der gut aussehende Musiker kaum zu kennen, als seine Finger im Rock'n Roll, Blues, Reggae, Jazz, Country, R&B, Gospel, Calypso oder gar hawaiianischer und Tex-Mex-Musik über die Saiten glitten. Zwischen seiner Filmmusik zu Wim Winders Film „Paris, Texas“ (1984), seinem Soloalbum „Get Rhythm“ (1987) und dem Erfolgsalbum „Buena Vista Social Club“ (1997), das einer Gruppe kubanischer Musiker zu internationalem Ruhm verhalf, lagen Welten - und doch verband Cooder jedes Werk mit seiner eigenen Handschrift.

Den größeren Sinn hinter seiner Musik, seinem Einfluss als Künstler, verlor er dabei nicht aus den Augen. Die Spenden in Rekordhöhe der Koch-Brüder im US-Wahlkampf beschäftigten ihn ebenso wie die Finanzkrise der Wall Street oder das Schicksal der Einwanderer aus Mexiko. „(Ex-Präsident Barack) Obama, der um drei Uhr morgens im Oval Office auf und ab geht: Das macht einen wirklich guten Song, der Schrecken und die Einsamkeit“, sagte Cooder vor einigen Jahren. „Natürlich will ich, dass die Menschen diese Botschaft wenn möglich verstehen.“

Längst hat die Musikwelt ihn in den Olymp der ganz Großen aufgenommen, die Recording Academy listet ihn in ihrer „Hall of Fame“. Sowohl „Talking Timbuktu“ mit Ali Farka Touré aus Mali als auch die romantischen Klänge mit den Kuba-Stars auf dem Album „Buena Vista Social Club“ brachten Cooder einen Grammy ein. Trotz des Hypes um dieses Album lamentierte er: „Die Kommerz-Idee ist verschwunden.“ CDs verkauften sich nicht mehr, vielleicht müsse er all seine Musik einfach an eine Internetseite spenden.

Die Liebe zu greifbaren Alben, zu Schallplatten im heimischen Regal dürfte Cooder auch mit 70 Jahren nicht verloren haben. Sie seien „Grundpfeiler und Bausteine des Gefühlslebens“, sagte er der Recording Academy zufolge. Platten repräsentierten eine „verdichtete, erhöhte Version von Klang“, beschrieb er die im Vinyl festgehaltene Musik. „Es ist Magie!“

Von Johannes Schmitt-Tegge, dpa