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Einmal Matula - immer Matula

Er hat sie alle gegeben, die Helden und Schurken, die großen und kleinen Rollen der Theaterliteratur. Den Proctor in Arthur Millers "Hexenjagd", den Mercutio in Shakespeares "Romeo und Julia", den Bürger Schippel in Carl Sternheims gleichnamigem Stück, den Sohn Biff in Millers "Tod eines Handlungsreisenden", den Tom Wingfield in "Die Glasmenagerie" von Tennessee Williams, den Randall Patrick McMurphy in "Einer flog über das Kuckucksnest" von Dale Wasserman, den Sosias im "Amphitryon" von Heinrich von Kleist.

Er spielte an den Theatern von Hannover, Göttingen, Braunschweig, Oldenburg, Stuttgart, an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin, am Ernst- Deutsch- und Thalia-Theater in Hamburg.

Doch nur einer ist an ihm hängen, nein, kleben geblieben: der zerknitterte, kleine Privatdedektiv Josef Matula. Ihn hat er 300 Mal (ohne Wiederholungen) gespielt. Claus Theo Gärtner (69) ist Hermann Josef Matula. Am heutigen Freitagabend ist Schluss damit: Matula - die letzte. Was wird aus Matula ohne Claus Theo Gärtner? Und was wird aus Gärtner ohne Matula?

Deutschland ist mittlerweile ein Land der Kommissare. Es gibt praktisch keinen Landkreis mehr ohne TV-Ermittler. Sie gehen in "Tatort", "Polizeiruf 110", in den verschiedensten "Sokos" und Regional-Krimis auf Verbrecherjagd. Aber nur einer hat ein Alleinstellungsmerkmal: Der Privatdetektiv Hermann Josef Matula aus Frankfurt, ein ehemaliger Polizist, der eine Detektei eröffnet hat und eng mit einem Rechtsanwalt zusammenarbeitet, d.h. er paukt die Mandanten des Anwalts aus größter Not heraus. Dieser Matula ist kein Held, sondern ein stets klammer Underdog mit sonorer Stimme, der oft was auf die Mütze bekommt, aber auch austeilen kann. Letztendlich findet er immer die Lumpen, dann lacht er und lässt sich von seinem Juristenfreund auf ein Bier einladen. Man wüsste nicht, wer ihn sonst spielen könnte außer Claus Theo Gärtner.

Der hat sich sein Leben als Josef Matula nicht von Anfang an vorgestellt. Er ist als Sohn eines Kaufmanns und einer Ballettmeisterin in Oberhausen aufgewachsen und hatte dort den ersten Bühnenkontakt beim Kindertheater. Nach Jugendjahren in Österreich, den USA und Südostasien studierte er in Braunschweig und Hannover Musik und Schauspiel und bekam die ersten Theaterengagements. Es folgten Auftritte in TV-Filmen, z.B. im Thriller "Zoff". Für diese Rolle erhielt er 1972 den Bundesfilmpreis als bester Nachwuchsschauspieler.

Bei einem Engagement an der Bühne von Hannover lernte er den schwergewichtigen Schauspieler Günter Strack kennen, der später als Anwalt Dr. Dieter Renz die erste Hauptrolle in "Ein Fall für zwei" spielte. Strack bestand darauf, die Rolle des Hermann Josef Matula mit Claus Theo Gärtner zu besetzen. 1981 wurde die erste Folge ausgestrahlt - der Beginn einer Erfolgsstory ohnegleichen.

Insgesamt vergaben vier Anwälte Aufträge an Matula: Nach Dr. Renz (1981-1988) folgten Dr. Rainer Franck (Rainer Hunold, 1988-1997), Dr. Johannes Voss (Mathias Herrmann, 1997-2000) und schließlich Dr. Markus Lessing (Paul Frielinghaus, 2000-2013). Nur Matula blieb 31 Jahre lang stets der Alte, mit kurzer Lederjacke, Alfa Romeo und einem überzogenen Konto. Gärtner war nicht nur Matula, er führte bisweilen auch Regie. Mit Folge 282 hat er auch Horst Tappert, den legendären Oberinspektor Derrick, überrundet. Der Underdog Matula hat sie alle getoppt.

Was wird aus Gärtner ohne ihn? Er hat ein neues Glück gefunden: Gärtner ist seit 2008 in dritter Ehe mit der 35 Jahre jüngeren Regisseurin Sarah Würgler verheiratet. Mit ihr will der begeisterte Motorsportfan, der am 19. April 70 wird und noch regelmäßig an Oldtimerrennen teilnimmt, mit einem zum Wohnmobil umgebauten 12,5-Tonner durch das Baltikum und anschließend durch die Mongolei nach China touren. Natürlich kann er Matula nicht mehr aus seinem Leben verdrängen. Der Nachrichtenagentur dapd sagte Gärtner: "Ein bisschen Wehmut verspüre ich schon, aber es ist nicht mehr so schlimm wie nach dem letzten Drehtag im vergangenen September."

(ln/spot)