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Lifestyle

Ein Mythos mitten in Berlin

Große Hotels sind ein Spiegel der Welt und Gesellschaft, wie es die Schriftstellerin Vicki Baum in ihrem Roman "Menschen im Hotel" beschrieben hat. Wir begegnen vermögenden Menschen, die dort absteigen - und armen Schluckern, die sie bedienen, Traumhafter Komfort und nahezu bedingungsloser Service kontrastieren mit Heimatlosigkeit und Unverbindlichkeit.

Große Hotels sind Bühnen für Sehnsüchte und Selbstinszenierungen. Das Adlon in Berlin ist ein solches Grand Hotel. Seit über 100 Jahren ein magischer Ort des noblen Lebensstils, der heute Lifestyle heißt.

Größer, vornehmer, teurer - so könnte das Motto gelautet haben, als der Sohn einer Mainzer Schusterfamilie und Gastronom Lorenz Adlon 1905 mit dem Hotelbau unter den Linden am Pariser Platz begonnen hatte. Die Idee, reine Beherbergungsbetriebe zu einer gesellschaftlichen Bühne mit Bars, Restaurants, Spielerzimmer, Rauchersalons und Cafés zu machen, stammte aus den USA. Solche Luxushotels wurden zuerst in New York und Boston errichtet.

Diese Form des Lebensstils drang rasch nach Europa. Noch im 19. Jahrhundert entstanden in Paris und London das feine Ritz, in Wien das Imperial und in St. Petersburg das Hotel Astoria. Auch die Berliner Society gierte nach solch einem Prestige-Projekt. Allerhöchste Kreise, ihnen voran Kaiser Wilhelm II., unterstützten die Baupläne von Lorenz Adlon. Sie alle wollten eine Begegnungsstätte auf höchstem Niveau. Für Adel und schwerreiches Großbürgertum, für Politik und Kultur. Ein Versammlungsort für die bedeutendsten Menschen des Reiches.

Am 24. Oktober 1907 schrieb die "Vossische Zeitung", das führende Blatt Berlins: "Während des gestrigen Tages hatten Kaiser, Kaiserin, Prinzessinnen und Prinzen den prächtigen Hotelbau besichtigt und Herrn Adlon ihre Anerkennung des hier Geschaffenen in ehrendster Weise ausgesprochen." Damit waren schon am Eröffnungstag die Weichen gestellt. "An diesem Tag begann die Geschichte des wohl populärsten Hotels in Berlin, das durch seine Extravaganz wie durch seinen Luxus zum Mythos wurde", erfährt man bei Wikipedia.

Hinter der strengen, klassizistischen Fassade verbirgt sich ein in Berlin nie gekannter Luxus - und neueste Hoteltechnik. Alle 305 Zimmer haben Elektrizität und fließend warmes Wasser, damals einmalig in Deutschland. Alle Etagen werden von einem herrlichen Interieur in Neubarock und Louis XVI-Stil bestimmt. Die meisten Räume sind mit Möbeln der renommierten Mainzer Kunstschreinerei Bembé ausgestattet, in dem einst der junge Lorenz Adlon eine Tischlerlehre absolviert hatte.

In den unteren Etagen befinden sich Café, Restaurant, Weinstube, die riesige Lobby, Lounge, ein Musik- und ein Rauchersalon, eine Bibliothek, ein Damenzimmer und der Wintergarten. Alle diese Einrichtungen können rund um die Uhr von den Gästen genutzt werden. Daneben gibt es noch Konferenzräume sowie einen prächtigen Ballsaal. Die "Vossische Zeitung" schreibt: "Dass das neue Hotel eine außerordentliche und großartige Leistung im Hotelneubau und in der Hoteleinrichtung für eine moderne Großstadt ist, will kein Unbefugter bestreiten. Um eine solche Schöpfung zu ermöglichen, bedurfte es freilich eines solchen Bauherren, seines Zusammenwirkens mit solchen Architekten, Künstlern, Kunsthandwerkern und Technikern, wie die hier tätig gewesenen - und eines Kapitals von 15 Millionen."

Laut "Berliner Morgenpost" kostete ein Doppelzimmer mit Bad schon im Eröffnungsjahr mindestens 20 Mark pro Nacht. "Einzelzimmer mit Waschgelegenheit für mitreisende Diener gab es ab sechs Mark. Heute sind mindestens 240 Euro pro Nacht fällig. Dienstbotenräume gibt es nicht mehr; Begleitpersonal und Sicherheitsbeamte schlafen in normalen Doppelzimmern. Wie viel Lorenz Adlon dem oft hier logierenden Kaiser Wilhelm II. tatsächlich berechnete, ist nicht überliefert. Die heutige Royal Suite kostet pro Nacht 15.000 Euro; wer hier schläft, ist nicht bekannt."

Im Restaurant des Adlons treffen sich die Feinschmecker Europas. Hier werden um 1910 Gerichte wie Seezunge Adlon (in Weißwein, mit Scampi, Trüffeln und Champignons) oder Kalbssteak Adlon (mit Strohkartoffeln, Rührei sowie in Butter gebratenen Kalbsnieren in Madeirasauce) kreiert. Die "Berliner Morgenpost" berichtet: "Mit erlesenem Essen hat Lorenz Adlon seinen Durchbruch erzielt. Der große Speisesaal war die beste Adresse für ein gepflegtes Mittagessen, im Adlon schon immer gern Lunch genannt. Legendenumwobenen waren die nächtlichen Feste im Terrassenrestaurant, einem der heißesten Orte der im Adlon tatsächlich Goldenen Zwanziger. Heute bietet das Restaurant Quarré 120 Gästen Platz, noch einmal so vielen im Sommer auf der Terrasse zum Pariser Platz hin. Den Namen des Gründers trägt ein exklusives Esszimmer mit zwei Michelin-Sternen.

Auch der Weinkeller des Hauses ist legendär, alle großen und kostbaren Gewächse warten dort auf die Gäste. Hier lagern bis zu 500 Eichenfässer, die Lorenz Adlon bei den besten Winzern kauft und unter eigenem Etikett abfüllen lässt. 1907 muten die Preise noch moderat an: Der junge Rheingau Riesling kostet drei Mark die Flasche.

Von Beginn an ist die Gästeliste des Adlon überaus illuster. Kaiser Wilhelm II. flieht wann immer er kann aus den kalten, zugigen Räumen des Stadtschlosses in die luxuriösen, gut beheizten Zimmer des Grand Hotels. Angeblich hat er sich hier auch mit La Belle Otéro und anderen Edelkurtisanen vergnügt. Viele Hochadlige verkaufen ihre Berliner Winterpalais und mieten sich in die Adlon-Suiten ein. Das Auswärtige Amt benutzt das Hotel als inoffizielles Gästehaus. Könige und Kaiser steigen im Adlon ab, unter ihnen auch der Zar von Russland und der Maharadscha von Patiala. Berühmte Zeitgenossen wie John D. Rockefeller, Thomas Alva Edison, Enrico Caruso, Henry Ford, Gustav Stresemann, Walter Rathenau, Thomas Mann, der junge John F. Kennedy und Charlie Chaplin zählen zum Publikum. Josephine Baker und Marlene Dietrich treten im Adlon auf.

Mit der Herrschaft der Nationalsozialisten nimmt der Aufschwung des Hotels ab. Auch die Prominenz aus Partei und Staat verkehrt lieber unter ihresgleichen im Kaiserhof. Das Adlon ist ihnen zu international und weltoffen. Tatsächlich ist es der wohl einzige öffentliche Ort im "Dritten Reich", an dem nicht dumpfer Deutschtumfanatismus herrscht. Gegen Kriegsende wird das Hotel als Lazarett benutzt. Es übersteht auch den Bombenhagel am sonst völlig zerstörten Pariser Platz, doch in den ersten Friedenstagen brennt das Adlon aus heute noch ungeklärten Gründen.

In der DDR-Zeit dient ein Seitenflügel als Restaurant, später als Internat für Berufsschüler. 1984 wird der Komplex ganz abgerissen. Erst nach dem Fall der Mauer entsteht das Adlon in den Jahren 1995 bis 1997 völlig neu. Das 90-jährige Bestehen des Hotels kann bereits in den neuen Räumlichkeiten, die am 23. August 1997 Bundespräsident Roman Herzog eröffnet, gefeiert werden. Ein Mythos ist wieder auferstanden, und die "Berliner Morgenpost" schreibt: "Das Hotel Adlon ist weder das größte noch das luxuriöseste Fünf-Sterne-Haus Berlins, nicht einmal das teuerste. Aber es ist unbestritten die erste Adresse der Hauptstadt - vor allem wegen seiner Lage: Unter den Linden 77 direkt am Pariser Platz, vis-à-vis vom Brandenburger Tor. Besser geht es nicht."

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