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Dschungelcamp: "Oft geschmacklos, manchmal sogar widerlich"

Heute Abend geht es wieder los: Elf Prominente ziehen ins RTL-Dschungelcamp und werden wieder vor einem Millionen-Publikum vorgeführt. Für die einen ist es das TV-Highlight des Jahres, für die anderen grenzt die Show schon an Körperverletzung.

Was denkt die Kirche über den Quoten-Hit? Die Nachrichtenagentur spot on news sprach mit Oberkirchenrat Markus Bräuer, Medienbeauftragter des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Das Format nimmt immer bizarrere Formen an - da treten durchgeknallte Schauspieler wie Helmut Berger neben vorbestraften Kriminellen wie Kaufhaus-Erpresser Dagobert oder einem 19-jährigen Amateur-Sänger auf - kann man da von einem Menschen-Zoo sprechen?

Zunächst bedauere ich sehr, dass die Sendung in diesem Jahr ohne Dirk Bach stattfinden wird. Er war ein liebenswürdiger und großartiger Entertainer. Sein Tod hat eine große Lücke im deutschen Unterhaltungsfernsehen hinterlassen. Wenn ich mir die Liste all der Menschen anschaue, die seit dem Start der Sendung in den Dschungel gegangen sind, kann ich nicht sehen, dass das Format bizarrer wird. Sänger, deren beste Jahre lange zurückliegen, hat es dabei immer schon gegeben, ebenso wie aufstrebende Sternchen. Bei den Gästen der Sendung sehe ich keinen Abwärtstrend. Arno Funke hat eine Reihe von Straftaten begangen, ist dafür verurteilt worden und hat seine Strafe verbüßt. Insofern finde ich die Formulierung "ein vorbestrafter Krimineller" nicht angemessen. Nach unserem Strafrecht muss jeder die Chance haben, neu anzufangen und darf nicht auf eine frühere Tat festgelegt bleiben, wenn die Strafe verbüßt ist. Das entspricht auch dem christlichen Ethos. Von einem Menschen-Zoo würde ich beim Dschungelcamp auch nicht sprechen. Die Teilnehmer haben sich freiwillig bereit erklärt, an der Sendung mitzuwirken.

Verletzt das Format das Grundrecht der Unantastbarkeit der Menschenwürde?

Als die Sendung vor einigen Jahren begann, wurde das zu recht stark diskutiert. Was hier gezeigt wurde, hatte man noch nie gesehen und wollte man teilweise auch nicht sehen, etwa wie die Teilnehmer Känguruhoden aßen. Nach wie vor sind manche Szenen im Dschungel-Camp grenzwertig. "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" ist oft geschmacklos, manchmal sogar widerlich, und die Show basiert auch auf Schadenfreude. Wo liegen dafür die Grenzen? Wie können wir achtsam miteinander umgehen? Welche Vorbildfunktion haben das Fernsehen und solche Formate? Die Diskussion darüber, was im Fernsehen gezeigt werden sollte und was nicht, muss weitergehen. Darüber sollten wir sprechen. Die Sendung schafft es aber auch immer wieder zu zeigen, dass die Show ein Spiel ist, wenn auch mit fragwürdigen Spielregeln, und die Kandidaten werden im Anschluss, wenn sie aus dem Dschungel kommen, auch wieder anständig behandelt. Diese Qualität macht "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" dann doch erträglich. Aber, wie schon gesagt, die Teilnehmer haben sich freiwillig verpflichtet. Sie können das Camp jederzeit verlassen. Sie sind alle Erwachsene, und das unterscheidet "Ich bin ein Star" grundsätzlich von Sendungen, in den Kinder und Jugendliche dem Stress einer Casting-Situation ausgesetzt werden.

Machtkämpfe, Liebesspiele, Lästereien oder Zickereien - sind das moderne Gladiatoren-Kämpfe?

Nein, mit dieser Formulierung würde man unterstellen, dass es hier um Leben und Tod geht. Und das tut es nicht, weil die christlichen Werte unsere Gesellschaft so weit geprägt haben, dass für uns Kämpfe um Leben und Tod keine Unterhaltung sind, wie sie es im Circus Maximus waren. Gott sei Dank. Wenn man das Format vergleichen soll, ist es für mich eher ein Kasperle-Theater. Jeder Teilnehmer soll eine klare, stark typisierte Rolle spielen, wie es der Kasper, die Großmutter, der Polizist und das Krokodil sind. Also: die sich Kümmernde, der Böse, der Lustige. Und wenn sich alle auf den Kopf hauen, lacht das Publikum. Nur besteht das Publikum eben nicht aus Kindern, sondern aus Erwachsenen, und von denen wünsche ich mir Empathie mit den Teilnehmern, Differenzierungsvermögen bei dem, was sie einschalten und das Bewusstsein, das dortige Verhalten nicht auf den eigenen Alltag zu übertragen.

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