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© Der Moderator Jürgen Domian posiert am 13.03.2015 in Köln in einem Studio des WDR-Radiosenders 1Live. Foto: Henning Kaiser/dpa

Menschen

Domian: „In Lappland schweige ich“

Er ist der Kummerkasten der Nation: WDR-Nachttalker Jürgen Domian (57) liest am Sonnabend ab 20.15 Uhr im „Skylight“ am Airport (Karten: 15 Euro) aus seinem neuen Buch „Richtig leben“ . Die NP hat mit ihm gesprochen.

In jedem Kapitel des Buches meldet sich Ihre pöbelnde Ego-Stimme aus dem Hintergrund. Haben Sie die heute auch schon gehört?

Na ja, ich bin ja noch nicht so lange wach (lacht). Es ist 16 Uhr, mein Tag hat erst angefangen. Die Stimme meldet sich in Konfliktsituationen, in denen man mit dem Gewissen ringt. Bisweilen ist es nicht nur schlecht, was sie sagt. Manchmal ist etwas gesunder Egoismus gut.

Was ist Ihr Buch „Richtig leben“ eigentlich?

Kein Ratgeber! Das Buch ist ein Gedankengeber. Ich nehme Bezug auf den Zen-Buddhismus und die alten Mystiker und versuche so, Erkenntnisse abzuleiten, die für mein Leben funktionieren. Vielleicht sind das ja auch Richtungsweisungen für andere, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Menschen, die sich mit grundlegenden Fragen des Lebens wenig auseinandersetzen, kommen in existenziellen Situationen oft ins Schleudern – bei Krankheit, im Alter oder bei einem Todesfall.

Sie hangeln sie sich an den sieben Todsünden entlang. Wollust klingt altbacken ...

… aber das Thema ist umso präsenter. Wir leben in einer hochsexualisierten Welt, das bekomme ich jede Nacht zu hören.

Wie haben Sie Zen gefunden?

Ich war auf spiritueller Suche, nachdem mein christlicher Glaube vor vielen Jahren zusammengebrochen war. Auf einer Berghütte in den Alpen habe ich einen Mann kennengelernt, der mir erzählte, dass er früher Manager in der chemischen Industrie gewesen war und heute als Zen-Meister tätig ist. Und da ging es los! Seitdem vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht mit dieser fernöstlichen Lebensphilosophie auseinandersetze.

Können Sie Zen in drei Sätzen erklären?

Nein. Aber Zen ruht auf zwei Hauptsäulen: Mitgefühl und dem unbedingten Respekt vor Lebewesen und der Natur. Zen bricht die rationalen Muster unseres Denkens komplett auf. Wir wollen mit unserer Logik alles verstehen. Wenn aber ein Schüler einen Zen-Meister fragt: „Gibt es ein Leben nach dem Tod?“, dann sagt der Meister: „Ich war noch nicht tot.“ Das ist mir sympathisch. Die anderen Religionen wollen immer alles erklären.

Ende 2016 hören Sie mit dem WDR-Talk auf. Wie schlimm ist die Nachtarbeit?

Sie hat immer an mir gezehrt. Ich lebe seit 20 Jahren in einem komplett widernatürlichen Rhythmus. Jeder Arzt sagt, dass das gesundheitsschädlich ist. Ich habe das mit viel Disziplin hinbekommen: Ich achte darauf, dass ich bis in den Nachmittag schlafe, ich mache Sport, trinke kaum Alkohol. Aber der Alltag ist kolossal kompliziert! Termine mit Ärzten, Behörden und Handwerkern sind echt schwierig. Mit festen Strukturen aber kann man es schaffen. Ich schaue zum Beispiel vor dem Schlafen, fast immer zur selben Zeit, eine Folge „Simpsons“.

Können Sie die Schicksale der Anrufer einfach abschütteln?

Es gibt im Anschluss immer ein einstündiges Gespräch mit den Psychologen und meinem Team, um jeden Fall nachzuarbeiten. Das tut mir gut, ich höre dann, was die Psychologen mit den Betroffenen besprochen haben. Wenn ich live zehn Minuten mit einem Menschen mit einem extrem schwierigen Problem spreche, dann ist das ein Anfang. Solche Anrufer müssen nachbetreut werden.

Hätten Sie vor 20 Jahren gedacht, dass Sie der Kummerkasten der Nation werden?

Nein (lacht). Es gab ja nur ganz wenige Menschen, die an den Erfolg des Formats geglaubt haben. Ein Mensch? Mitten in der Nacht? Der nur telefoniert? Und lediglich eine Kameraeinstellung? Die dachten, das ist in wenigen Wochen vom Schirm. Sie haben sich getäuscht.

Wie haben Sie sich damals für den Job gerüstet?

Ich bin da eher blauäugig rangegangen. Bis mich ein junger Mann mit Leukämie angerufen hat, der im Sterben lag. Da hab ich kapiert, welche Dimensionen das annimmt.

Wie schafft man es, nicht mitzuleiden?

Grundsätzlich muss man mitfühlen, sonst funktioniert ein solches Format nicht. Anfangs aber habe ich die Geschichten zu nahe an mich herankommen lassen. Einige Interviewpartner habe ich sogar über Wochen noch privat angerufen und gefragt, wie es ihnen geht. Das mache ich heute nicht mehr. Es würde mich auffressen. Ich fahre einmal im Jahr nach Lappland, um eine Art Exerzitien zu halten. Ich ziehe in ein Blockhaus im Wald, wandere – und schweige. Ich kommuniziere das ganze Jahr so viel, die Wochen in Lappland sind für mich eine Art seelische Reinigung, wobei die ersten Tage des Schweigens immer sehr schwierig und anstrengend sind.

Ihr Menschenbild hat unter der Arbeit gelitten, oder?

Ich habe in Abgründe geblickt. Das wird aber auch aufgewogen, durch das extrem Gute, Mutige, Couragierte, das ich in der Sendung eben auch höre. Hängen bleiben aber bei den Zuhörern immer die extrem dramatischen oder die Sex-Geschichten (lacht).

Würden Sie Ihr Gegenüber nicht auch gern sehen?

Ja! Ich würde nach „Domian“ gerne eine Talk-Sendung im Fernsehen moderieren, bei der ich meine Gäste auch sehen kann.

Da würden dann aber traditionell nur Prominente sitzen ...

Ich finde, wir brauchen endlich eine Talk-Show mit nicht-prominenten Menschen! Ich weiß aus 20 Jahren Erfahrung, was diese „normalen“ Leute zu erzählen haben. Und man findet sie überall!

Von Andrea Tratner


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