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Dirigent Herbert Blomstedt feiert seinen 90. Geburtstag.

Dirigent Herbert Blomstedt feiert seinen 90. Geburtstag.
© dpa

Menschen

Dirigent Herbert Blomstedt: Ich möchte jeden Tag etwas Neues machen

Kaum ein Dirigent wird von Orchestern in aller Welt so geschätzt wie der Schwede Herbert Blomstedt. Neben musikalischen Qualitäten rühmen Kollegen vor allem seine menschlichen Wärme. Nun wird der Maestro 90.

Dresden - . Dirigent Herbert Blomstedt bleibt weiter auf musikalischer Spurensuche. „Ich entdecke auch in Werken, die ich oft gespielt habe, immer wieder Neues“, verriet der Künstler in einem Interview der Deutschen Presse-Agentur kurz vor seinem 90. Geburtstag am Dienstag (11. Juli). Darin äußert er sich auch über seine Familie und Gänsehautgefühle.

 

Frage: Wie feiern Sie Ihren Geburtstag? Lassen Sie sich von Ihrer Familie überraschen, oder gibt es ein bestimmtes Ritual?

 

Antwort: Ich mache zum Geburtstag nichts Besonderes. Wenn es möglich ist, versuche ich bei meiner Familie in Schweden zu sein. Ich habe vier Töchter und versuche, regelmäßig im Sommer dort Urlaub zu machen. In diesem Jahr bin ich in Hamburg zu Proben und Konzerten. Am Tag selbst hat wohl das NDR-Elbphilharmonie Orchester etwas arrangiert. Das wird eine Überraschung. Gefeiert wird an einem sehr schönen Ort an der Außenalster. Ich bin sehr gespannt und freue mich. Ich habe nur Menschen um mich herum, die ich gern habe.

 

Frage: Gibt es musikalische Freundschaften, die Sie geprägt haben?

 

Antwort: Ich hatte viele Freunde in den Orchestern, die ich geleitet habe. Mit einzelnen Musikern bin ich noch heute freundschaftlich verbunden. Die engsten Beziehungen existierten aber außerhalb der Orchester. Mein Bruder und ich waren uns sehr nah. Wir hatten nicht nur dieselben Gene und die gleiche Erziehung, sondern uns auch bis zum Alter von 25 ein Zimmer geteilt. Wir waren unzertrennlich, ich habe ihn sehr bewundert. Er war drei Jahre älter und in vielerlei Beziehung ein Vorbild für mich.

 

Frage: Für was sind Sie in Ihrem Leben dankbar?

 

Antwort: Ich bin für mein ganzes Leben dankbar. Ich hatte wunderbare Eltern, einen strengen, geradlinigen Vater, der mir Lebensweisheiten weitergab. Meine Mutter war ein guter Kontrast zu ihm – weich, freundlich, gesellig und eine wunderbare Musikerin. Ich bin dankbar für meinen Bruder, von dem ich viel gelernt habe. Ich bin dankbar für meine Frau, sie passte perfekt zu mir. Sie liebte die Musik und war in jedem meiner Konzerte, auch wenn sie die Werke schon oft gehört hatte. Sie konnte nicht genug davon kriegen. Sie hat mir vier Töchter geschenkt, wunderbar verschiedene Menschen, die mir alle nahestehen. Ich bin dankbar für meine Orchester. Schon das erste in Norrköping - sie haben mir jedes musikalische Körnchen aus der Hand gefressen.

 

Frage: Sie vermögen in der Musik immer wieder neue Dinge zu entdecken. Worum geht es Ihnen da?

 

Antwort: Ich entdecke auch in Werken, die ich oft gespielt habe, immer wieder Neues. Gerade habe ich die Partitur von Richard Strauss‘ „Metamorphosen“ in den Händen. Ich spiele sie in ein paar Wochen mit den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen. Vor Jahren schon habe das genau studiert. Die Partitur ist voller Anmerkungen und Ideen, die ich nach Aufführungen aufschrieb. Nun schaue ich mir das wieder an. Ich möchte jeden Tag etwas Neues machen.

 

Frage: Gibt es Musik, bei der Sie immer noch Gänsehaut bekommen?

 

Antwort: Das geht mir bei vielen Werken so. Ich könnte sogar übertreiben und sagen: Wenn ich keine Gänsehaut bekomme, dann ist die Musik für mich vielleicht nicht wertvoll genug. Man muss so empfänglich und so sensibel sein, dass man mit Respekt und Dankbarkeit vor einem Werk steht. Man darf nie in Routine verfallen so nach dem Motto: Das kann ich schon. Ich fühle mich jedes Mal als Anfänger. Ich weiß zwar, dass ich Erfahrung mit vielen Stücken habe, muss aber trotzdem ein paar Hürden überwinden, bevor ich vor ein Orchester trete. Das ist eine enorme Herausforderung.

 

Frage: Blieb ein musikalischer Traum bei Ihnen bislang unerfüllt?

 

Antwort: Es gibt so viel Musik, die ich noch nicht gespielt habe. Man kann ohnehin nicht alles spielen. Man muss lernen zu wählen. Das ist normal, ich bin nicht traurig darüber. Was keine Grenzen hat, hat auch keine Form. Wenn man versucht, Grenzen zu ignorieren und alles zu machen ohne Einschränkung - das wäre für mich unmöglich. Man sollte das jeweils Interessante für sich heraussuchen. Das ist kein Nachteil, das ist ein Vorteil.

 

 

ZUR PERSON: Herbert Blomstedt zählt zu den bedeutendsten Dirigenten der Gegenwart. Er studierte Geige und Dirigieren und war Assistent von Leonard Bernstein. 1954 gab er mit den Stockholmer Philharmonikern sein Debüt am Pult. Von 1975 bis 1986 war Blomstedt Chefdirigent der Staatskapelle Dresden. Danach formte er das San Francisco Symphony Orchestra zu einem führenden Klangkörper und war als Nachfolger von Kurt Masur von 1998 bis 2005 Gewandhauskapellmeister in Leipzig.

Von Interview: Jörg Schurig, dpa

Dresden - 

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