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Der "Glücksfall" Malu Dreyer

Sie sagt, dass sie es völlig okay finde, wenn man sie Malu nenne. Sie habe ja selbst beschlossen, dass sie so genannt werden wolle, "weil ich das schöner fand", erzählt sie der Zeitschrift "Gala".

Viel schöner als Marie-Luise, wie sie richtig heißt. Viele Rheinland-Pfälzer würden ohnedies nur sagen: "Unsere Malu".

Seit heute ist sie Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, die erste Frau auf dem Chefsessel der Staatskanzlei zu Mainz. Malu Dreyer (51) hat die Nachfolge des raubauzigen Pfälzers Kurt Beck (63) angetreten, der über 16 Jahre lang Landesvater war.

Dass eine Ministerpräsidentin eingeführt wird, ist eigentlich keine große Sensation; da ist sie bereits die vierte Frau in der Riege deutscher Länderchefs. Dennoch berichten alle Zeitungen und großen Magazine ausführlich über den Amtswechsel - was auch mit einem tragischen Umstand zu tun hat: Malu Dreyer leidet an Multipler Sklerose, einer unheilbaren, chronisch entzündlichen Erkrankung des Nervensystem, kurz MS genannt.

Sie kann schlecht gehen, muss gestützt werden, größere Strecken schafft sie nur im Rollstuhl. Dennoch sagt sie, dass sie für ihr Amt genügend Kraft, Verstand und Erfahrung habe. Und man glaubt ihr das aufs Wort. Als "Glücksfall" wurde sie bezeichnet und - noch überschwänglicher - als "Königin der Herzen". Vielleicht ist es wirklich so, wie es ihr Vorgänger Kurt Beck laut "Stern" formuliert hat: "Der Malu geht es immer und mit Leib und Seele um die Sache. Wenn sie den Raum betritt, wird es heller."

Das mag auch an ihrer offenen, authentischen und unkomplizierten Art liegen. Malu Dreyer ist Pfälzerin, sie stammt aus Neustadt an der Weinstraße, wo die Menschen als besonders gesellig und leutselig gelten. Nach dem Abitur studierte die Tochter eines Schuldirektors zunächst Theologie und dann Rechtswissenschaften. Nach Berufsstationen als Uni-Assistentin und Staatsanwältin wurde die SPD-Frau 1995 hauptamtliche Bürgermeisterin von Bad Kreuznach.

In dieser Zeit wurde auch ihre Erkrankung festgestellt. In einem Gespräch mit dem "Stern" sagte sie: "Ich war damals 34 Jahre alt und ging zum Arzt, weil ich dieses Kribbeln gespürt habe. Er machte eine MRT. Und vielleicht war ich auch ein bisschen naiv, aber ich habe den Arzt gefragt: 'Können Sie irgendwas erkennen?' Und der sagte: 'Ja, das sieht nach einer klassischen MS aus.' Horror!"

Malu machte trotzdem Karriere. 2002 holte sie Kurt Beck als Ministerin für Arbeit, Soziales, Familie und Gesundheit in sein Kabinett. Dreyer sagt, sie tue genau das, was sie tun wolle, und dabei mache ihr der Rollstuhl nicht viel aus. Der querschnittsgelähmte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sei ein Vorbild, wie sie der Zeitschrift "Bunte" verriet: "Dem stellt heute keiner mehr die Frage, ob er im Rollstuhl leistungsfähig ist." Und im "Stern" sagte sie: "Ich glaube daran, dass es eine Kraft gibt, eine Energie, die uns trägt. Für mich ist das Gott. Das gibt mir Kraft."

Die neue Ministerpräsidentin ist seit 2004 mit dem Trierer Oberbürgermeister Klaus Jensen verheiratet. Mit ihm und den drei Kindern aus seiner ersten Ehe lebt sie in Schammatdorf bei Trier, einer Siedlung für über 200 Behinderte und Nichtbehinderte auf dem Gelände eines Benediktinerklosters. Freimütig spricht sie, wie etwa in "Gala", über ihren Mann und die "totale, uneingeschränkte Liebe, die er mir schenkt... Ich mag seine lebensfrohe Art."

Und manchmal träumt sie davon, dass sie richtig laufen könne. "Und das Komische ist, oft kommen Freunde zu mir und sagen: 'Heute Nacht habe ich dich in meinem Traum gesehen, und du brauchtest deinen Rolli gar nicht.' Das freut mich jedes Mal. Es ist irgendwie ermutigend."

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