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Christian Wulff und "der gute Deutsche von Nanjing"

Die Fronten sind verhärtet zwischen Christian Wulff (53) und der Staatsanwaltschaft von Hannover: Der Altbundespräsident will seine völlige Rehabilitierung vom Vorwurf der Bestechlichkeit erreichen, die Anklagebehörde möchte ein Gerichtsverfahren wegen Vorteilsnahme einleiten.

Dabei geht es letztendlich um ein paar hundert Euro, die Wulff vom Filmfinanzier David Groenewold (39) genommen haben soll, um im Gegenzug dessen Filmprojekt "John Rabe" zu unterstützen.

Bei der Zahlung soll es sich um eine Hotelrechnung vom Bayerischen Hof in München handeln. Groenewold hatte 2008 Wulff und seine Frau Bettina (39) zu einem Treffen auf dem Oktoberfest eingeladen. Wulff bezahlte laut "Süddeutscher Zeitung" beim Auschecken aus dem Hotel 577,90 Euro mit seiner Kreditkarte: Zwei Übernachtungen à 230 Euro, zwei Garagenmieten à 27 Euro, 19,90 Euro für die Minibar und 44 Euro für die Hotelwäscherei. Tatsächlich aber kostete die Juniorsuite 430 Euro pro Nacht. Die Differenz hatte Groenewold, der auch das Zimmer bestellt hatte, übernommen, "weil es ihm peinlich gewesen sei", so die "SZ", "dass der Trip teurer als von ihm angekündigt geworden sei."

Darin sieht die Staatsanwaltschaft ein Vergehen, denn Wulff habe in einem Schreiben mit dem Briefkopf des Ministerpräsidenten von Niedersachsen den Siemens-Chef Peter Löscher (55) gebeten, das Groenewold-Projekt "John Rabe" zu unterstützen. Wie kam er dazu - und was hat Siemens mit einem Groenewold-Film zu tun?

Es geht um die Verfilmung eines weitgehend unbekannten deutschen Schicksals, der Geschichte des "guten Deutschen von Nanjing", der viele tausend Chinesen vor dem sicheren Tod gerettet hat. Es geht um John Rabe (1882-1950). Und der ist ein überaus positiver Teil der langen und nicht immer positiven Siemens-Geschichte.

Der gebürtige Hamburger wurde 1931 Geschäftsführer der Siemens & Halske-Niederlassung in Nanjing, der damaligen Hauptstadt von China. Wenige Monate nach Ausbruch des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs richteten japanische Soldaten dort ab dem 13. Dezember 1937 ein wochenlanges Blutbad an, in dem über 300.000 Chinesen exekutiert wurden. Während des Massakers von Nanjing konnte sich John Rabe mit dem Plan einer vier Quadratmeter großen Schutzzone durchsetzen, in der wenigstens die chinesische Zivilbevölkerung einigermaßen sicher war.

Daneben ließ er auf seinem Grundstück eine riesige Hakenkreuzfahne aufspannen, um die Japaner, die mit Nazi-Deutschland verbündet waren, von Bombardierungen abzuhalten. Sein Kalkül ging auf: Mit seinen Hilfsmaßnahmen soll John Rabe über 250.000 Chinesen gerettet haben, weswegen er bis heute in China als "Schindler von Asien" verehrt wird ("Du hast das Herz eines lebenden Buddhas").

Die Verfilmung von 2009 mit Ulrich Tukur (55) in der Rolle des John Rabe war sehr aufwändig und kostete 18 Millionen Euro. Trotz einer Flut von Auszeichnungen, Preisen und überschwänglichem Kritikerlob - die "Süddeutsche Zeitung" schrieb: "Ein großer Film über einen großen Menschen ... Ein eindrucksvolles Drama mit einem herausragenden Ulrich Tukur" - wurde der Film im Kino ein Flop. Am Ende mussten mehrere Millionen draufgezahlt werden.

Übrigens hat auch Siemens-Chef Löscher trotz des Wulff-Briefes seine Unterstützung versagt.

(nl/spot)