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Charlie Pellett im Aufnahmeraum im Bloomberg-Hauptsitz in New York. Foto: Christina Horsten

Charlie Pellett im Aufnahmeraum im Bloomberg-Hauptsitz in New York. Foto: Christina Horsten

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Charlie Pellett ist die Stimme der New Yorker U-Bahn

Jeder, der schon einmal in New York war, kennt die Stimme von Charlie Pellett: Sein "Stand clear of the closing doors, please" begleitet Millionen Menschen täglich durch den U-Bahn-Dschungel der Metropole - dabei entstand die Durchsage in nur wenigen Sekunden.

New York. Der Satz, der fast sechs Millionen Menschen in New York jeden Tag durch die U-Bahn begleitet, klappte schon bei der ersten Aufnahme: "Stand clear of the closing doors, please." Auf Deutsch heißt das etwa: "Bitte halten Sie sich von den schließenden Türen fern." "Ich habe das nicht geübt oder geprobt", erzählt Charlie Pellett. "Wir haben uns hingesetzt mit einer langen Liste von Ansagen, die wir aufnehmen wollten. Das war gleich die erste, der Techniker war in Eile, ich war in Eile, er sagte, gib mir einen Pegel, ich habe den Satz gesprochen und er sagte, super, das passt so."

Fast 15 Jahre ist das jetzt her und seitdem schallt der inzwischen weltberühmte Satz mit Pelletts unverwechselbar weicher und rollender Sprachmelodie fast jedes Mal aus den Lautsprechern, wenn sich die Türen einer U-Bahn in der Millionenmetropole schließen. Jeder, der schon einmal in New York war, dürfte Pelletts Stimme kennen, er ist zum Soundtrack der Stadt geworden. "Ich habe hier wirklich einen unglaublichen Lauf hingelegt und fühle mich sehr geehrt."

Dabei ist der 59-Jährige ursprünglich gar kein New Yorker, sondern Brite. Als er vor 25 Jahren in die US-Ostküstenmetropole kommt, kauft er noch eigens Tee und Kekse im britischen Spezialitätengeschäft im Süden Manhattans, und seine Freunde ärgern ihn wegen seines Akzents. Pellett hört stundenlang Radio, um seinen britischen in einen US-amerikanischen Akzent zu verwandeln und bekommt irgendwann selbst einen Job beim Radio. Inzwischen arbeitet er bei der Nachrichtenagentur Bloomberg. Aus der hochmodernen Unternehmenszentrale mitten in Manhattan heraus moderiert Pellett vor allem Wirtschaftsnachrichten für die Radiosparte der Firma.

Bei Bloomberg war es auch, wo die New Yorker U-Bahn-Ansagen ihren Anfang nahmen. Einige von Pelletts Kollegen kamen vor fast 15 Jahren aus einem Urlaub in London zurück und schwärmten von den Ansagen in der dortigen U-Bahn. "Dann kannte jemand bei Bloomberg jemanden im Rathaus, und so nahm das alles seinen Lauf. Zufällig wurden gerade auch neue U-Bahn-Züge in Betrieb genommen." Zuvor hatten die Fahrer der Bahnen die Ansagen stets selbst gesprochen, meistens vernuschelt und schwer verständlich. Die neuen Züge boten nun die Technik für aufgenommene Ansagen, die Pellet und mehrere Kolleginnen von Bloomberg ehrenamtlich lieferten.

Bis heute nimmt der in Lokalmedien nur als der "Stand clear of the closing doors"-Mann bekannte und als "die wiedererkennbarste Stimme New Yorks" gefeierte Pellett alle paar Wochen neue Ansagen auf. Sein bekanntester Satz ist bei weitem nicht sein einziger. Pellett informiert unter anderem auch über Verspätungen, Bauarbeiten, Umsteigemöglichkeiten und kündigt die Endhaltestellen an ("This is the last stop on this train") und ist damit praktisch rund um die Uhr zu hören. "Wenn ich einen Cent für jede abgespielte Ansage hätte, würde es dieses Interview nicht geben. Dann wäre ich im Ruhestand und besäße meine eigene Insel in der Karibik."

Nicht alle seine Ansagen hört Pellett, der jeden Tag mit der U-Bahn aus Brooklyn nach Manhattan pendelt, gerne. "Es gibt da eine an der 42. Straße, da gibt es viele Umsteigemöglichkeiten, und wenn ich mir das anhöre, klingt es sehr nach Stakkato. Fast als ob ein Computer das sprechen würde, dabei sollte es wärmer und freundlicher sein. Das würde ich wirklich gerne noch mal einsprechen." So richtig würden die meisten New Yorker seinen Ansagen aber wohl eh nicht zuhören, gibt Pellett zu, und er selbst auch nicht. "Ich bin da inzwischen immun gegen." Es habe auch noch nie jemand auf der Straße ihn anhand seiner Stimme erkannt.

Kommentare gibt es aber doch immer wieder. "Kurz nachdem ich die ersten Ansagen aufgenommen hatte, saß ich in der U-Bahn mit der Nummer 6 an der Station Brooklyn Bridge und es kam die Durchsage: "Stand clear of the closing doors, please." Danach schaut ein Kind zum Lautsprecher und sagt: "Halt die Klappe, Mr. North Dakota." Und ich dachte mir: Was? Ich lebe seit so langer Zeit in Brooklyn, nenn mich nicht so. Aber dann habe ich doch nichts gesagt. Ein anderes Mal kam ein Obdachloser in den Zug und hat die Durchsagen imitiert - und der war richtig gut."

Weil die Zahl der Fahrgäste immer weiter steigt und viele U-Bahn-Linien völlig überlastet sind, überlegt die New Yorker Verkehrsbehörde MTA inzwischen, das berühmte "Stand clear of the closing doors, please" abzuschaffen. "Please stand clear" könnte es bald nur noch heißen. Mit den dadurch gesparten Sekunden will die MTA die Züge schneller wieder losfahren lassen können.

Die Stimme der New Yorker U-Bahn sieht das drohende Ende ihres berühmtesten Satzes gelassen. "Ich fahre so viel U-Bahn, und wann immer es irgendwie möglich ist, die Züge schneller zu machen, bin ich an Bord", sagt Pellett, der kurz nach dem Fall der Mauer in Berlin war und vom U-Bahn-System der deutschen Hauptstadt schwärmt. Wenn dort die Türen schließen, heißt es ganz knapp: "Zurückbleiben bitte!"

dpa


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