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(30.12. mih) Fabian Hinrichs: "Ich war fast traurig, dass ich sterben musste"

Fabian Hinrichs ist Spezialist für schwierige Rollen, was er im BR-Tatort "Der tiefe Schlaf" als Gisbert Engelhardt wieder bewiesen hat. Bekannt wurde der "Schauspieler des Jahres 2010" (Zeitschrift "Theater heute") als Hans Scholl im Oscar-nominierten Drama "Sophie Scholl - die letzten Tage" (2005).

Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur spot on news erklärt der 36-jährige Hamburger, warum in jedem von uns ein bisschen Gisbert Engelhardt steckt.

Gisbert Engelhardt ist ein Neuer, der in eine bestehende Gruppe kommt. Sie müssen sich beruflich auch immer wieder in neue Teams einordnen. Wie gelingt Ihnen das?

Früher ist mir das nicht ganz so gut gelungen, auch, weil ich das nicht gelernt habe. Inzwischen warte ich einfach ein bisschen ab. Aber die Drehpläne sind ja ohnehin meist so straff, dass man gar nicht so viel Zeit hat.

Wie war es beim konkreten Tatort-Team?

Da war das sehr, sehr angenehm, weil ich viele von der Crew schon kannte. Miro und Udo dachten vielleicht erst, "der ist ein bisschen komisch", eigentlich wie im Buch. Dann haben wir uns aber so gut verstanden und toll zusammengearbeitet, dass ich fast traurig war, dass ich sterben musste.

Warum macht Engelhardt immer Fotos von sich?

Leute, die kein festes inneres Bild von sich haben, machen vielleicht öfter Fotos von sich. Vielleicht kommt hinzu, dass er einfach auch stolz auf sich ist, dass er gerade einen Fall aufklärt. Auch möchte er ja unbedingt dieser junge erfolgreiche Kommissar sein, das sollen die Fotos wohl auch dokumentieren. Ein anderer Grund ist sicher auch seine Einsamkeit. Der Hauptgrund ist aber wahrscheinlich, dass er sich an diesen Fotos festhält. Das teilt er wohl mit vielen Menschen.

Ist das bei Ihnen auch so?

Nein, aber ich bin mit meinem Beruf ja narzistisch auch gesättigt.

Was ist mit "Der tiefe Schlaf" gemeint?

Ein großartiger Titel für einen Krimi, nicht wahr? "Der tiefe Schlaf" ist der Tod. Ob Drehbuchautor Alexander Adolph in der Wahl des Titels Bezug nimmt auf Raymond Chandlers Roman "The Big Sleep", weiss ich allerdings nicht.

Gibt es den Kiosk an dieser sehr ungemütlichen Stelle wirklich?

Ich hab nie nachgefragt. Für mich ist das am Set Realität und das dann eben der Kiosk.

Was halten Sie denn von der aktuellen Tatort-Diskussion, weil so viele namhafte Schauspieler Kommissare werden?

Der Tatort gilt immer noch als die Krone des deutschen Fernsehens. Natürlich gibt es zwischendurch auch ganz tolle andere Fernsehfilme.

Warum gibt es nicht mehr oder genug gute Sachen?

Mit guten Kinodrehbüchern kann man oft kein Geld machen. Viele Menschen mögen entweder historische Stoffe wie "Der Untergang" oder "Sophie Scholl" oder Bully und Otto. Das war's. Ein anderer Grund ist die Gleichheitsliebe der Deutschen. Die Gleichheit ist ein hoher Wert in Deutschland, aber das schließt sich natürlich aus: Kino braucht Stars, sonst funktioniert die Projektion nicht, und Stars sind nicht gleich.

Schauen Sie Tatort?

Eigentlich nicht, weil ich ja viele Schauspieler privat kenne. Und dann funktioniert die besagte Projektion nicht mehr.

Erst nervt Gisbert Engelhardt, dann ist man richtig traurig als er stirbt. Was hat Ihnen an dieser interessanten Rolle am besten gefallen?

Dass sie intelligent geschrieben ist, vielschichtig, vital und kraftvoll, was selten ist. Die Figur hat mich gleich gerührt. Das war eines der besten Drehbücher seit langem. Natürlich erscheint es teilweise absurd, aber dennoch - oder vielleicht sogar deswegen - real. Sozusagen pointierter Realismus.

Gisbert Engelhardt meint es ja so gut, er hat aber wenig emotionale Intelligenz. Kann man das so zusammenfassen?

Ja, genau. Er kann die Anderen nicht lesen, er interpretiert oft falsch, was die Leute sagen. Er will natürlich alles gut, alles richtig machen, richtet damit aber viel Unheil an. Am meisten liegt er richtig, wenn er nur auf sich hört. Allerdings spürt er ja nicht wirklich, wer das ist: er selbst.

Emotionale Intelligenz war ja mal so ein Modewort, wird das überbewertet?

Ich ahne schon, was sich hinter diesem Begriff verstecken soll. Aber eigentlich ist es ja eine Tautologie (inhaltliche Wiederholung). Der Begriff beruht auf dem Dualismus "Verstand - Gefühl", soweit ich aber weiß, ist der seit langer Zeit überwunden. Nicht einmal Fussballtrainer glauben noch an eine solch simple Trennung. Kant zum Beispiel spricht von Gefühlsgedanken. Ein sehr schöner Begriff, der eher auf uns anwendbar zu sein scheint. "Kühler Kopf, heißes Herz" sozusagen.

Man soll auf seinen Bauch hören, stimmt dann also nicht?

Was ist denn der Bauch? Was ist denn der Kopf? Ich denke, die Ursache vieler Gefühle ist Einübung. Übe ich etwas anderes ein, fühle ich auch anders.

So wenig Engelhardt weiß, wer er selbst ist, so klar und schematisch sind seine Vorstellungen von der Polizeiarbeit. Gibt ihm das Halt?

Ja, aber dadurch verrennt er sich auch oft. Das Tolle an dem Film ist aber, dass nicht moralisierend insistiert wird: "Da ist ein verlorener Mensch, wir weinen jetzt." Gisbert nervt, man versteht die beiden Kommissare. Aber weil Gisbert so sehr versucht, im Leben anzukommen, berührt es einen trotzdem.

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