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Jobverlust

Mit dem Job verlieren viele Menschen auch ihr Selbstwertgefühl. Wenn sich die Jobsuche dann noch als schwierig erweist, verstärkt sich die Krise oft noch. © fotolia

Ratgeber

Der Verlust des Jobs kann Krise und Neuanfang zugleich sein

Wenn jemand seinen Job verliert, kann ihn das in eine tiefe persönliche Krise stürzen. Manche Menschen nutzen diese jedoch, um ihr bisheriges Leben zu hinterfragen und entdecken dabei ganz neue Möglichkeiten.

Wie ein Schlag in die Magengrube“ – mit diesen Worten beschreibt Martin J. seine Gefühlslage, nachdem im August die Kündigung gegen ihn ausgesprochen worden war. Eines Morgens wurde der Lebensmittelchemiker völlig unerwartet zu einer Besprechung mit dem Geschäftsführer und seinem direkten Vorgesetzten gerufen. „Dort hat man mir mitgeteilt, dass die mittlere Managementebene ,verschlankt‘ würde, wie es so schön heißt, und dass ich ab sofort freigestellt sei“, erinnert sich der 39-Jährige heute. Auch Wolfram Zurhorst, ehemaliger Manager in der Textilindustrie, hat erfahren, was es bedeuten kann, wenn der Job wegfällt. „Kaum hatte ich mein Büro geräumt, da fiel ich in ein tiefes Loch“, berichtet er. „Ein Gefühl der Hilflosigkeit und der Hoffnungslosigkeit setzte bei mir ein.“ Auf einen Schlag sei er nicht nur seinen Job, sondern auch sein Selbstwertgefühl los gewesen. Ähnliche Erfahrungen machen momentan Monat für Monat Tausende Menschen. Aus der Finanzkrise wird für sie eine Persönlichkeitskrise.

Arbeitslosigkeit wirkt sich auf das Selbstbewusstsein negativ aus, weil das soziale Ansehen schwindet. Auf die Frage „Und was machen Sie so?“ kann man plötzlich nur noch mit einem Achselzucken oder mit einem unsicheren Lächeln antworten. „Männer leiden bei einem Jobverlust meiner Erfahrung nach nicht nur unter Existenzängsten – sie fühlen sich oft zusätzlich ihrer Rolle als Mann und Ernährer beraubt“, sagt Wolfram Zurhorst, der gerade gemeinsam mit seiner Frau Eva-Maria das Buch „Liebe dich selbst auch wenn du deinen Job verlierst“ veröffentlicht hat.

Kein Wunder also, dass ein Jobverlust für viele Menschen zu einem Bruch in ihrer Biografie führt, von dem sie sich nie wieder erholen. Andere aber schaffen es, sich in beruflichen Krisen neu zu orientieren und dadurch zu sich selbst zu finden. Sie stellen fest, dass ihnen ihr „altes Leben“ im Grunde genommen weder gefallen noch gepasst hat. „Ich bin im Nachhinein dankbar, dass ich rausgeworfen wurde, weil ich dadurch einen wichtigen Impuls für meine weitere Entwicklung bekommen habe“, sagt Wolfram Zurhorst, der heute, sechs Jahre später, als Buchautor und Coach erfolgreich ist. „Allerdings muss man dazu oft durch einen nicht immer angenehmen Selbstentdeckungsprozess gehen. Ich habe mich nach meinem Jobverlust beworben und mit Personalberatern gesprochen. Aber im Gegensatz zu früher kam nichts, kein einziges Angebot. Ich brauchte die volle Packung, um zu erkennen: Der Weg zurück in mein altes Leben ist versperrt.“

Auch die ehemalige Bankangestellte Sibylle Tonn hat eine tiefe berufliche Krise gemeistert. Nach zwölf Jahren hinter einem Bankschalter fühlte sie sich „traurig, unglücklich und leer“, sie litt unter psychosomatischen Erkrankungen und entschied sich zu einem radikalen Schnitt: Sie kündigte und machte ihr Hobby, die Malerei, zu ihrem Beruf. Ihre Bilder verkaufte sie am Wochenende auf Kunstmärkten. Mittlerweile lebt sie seit 15 Jahren als bildende Künstlerin in Berlin und betreibt eine Malschule. Bereut hat sie ihren Entschluss nie, auch nicht während finanzieller Durststrecken.

Was sind das für Menschen, denen solch ein Neustart gelingt? „Meiner Erfahrung nach schaffen es diejenigen, die nicht die Schuld bei anderen suchen und sich nicht in Selbstvorwürfen ergehen. Es ist normal, dass man sich zunächst aufregt. Man flucht, schimpft, macht andere für sein Schicksal verantwortlich“, sagt Wolfram Zurhorst. „Wenn die Wut draußen ist, sollte man sich fragen: Wozu war das Ganze gut? Was wollte ich eigentlich schon lange nicht mehr?“ Vor Kurzschlussreaktionen warnt er jedoch. Ein Jobwechsel ist ein wichtiges Projekt und muss entsprechend geplant verlaufen. Hat man wirklich das Zeug, etwa jahrelange Durststrecken zu überstehen? – Solche Fragen sollte man sich ehrlich beantworten, ehe man den Neustart wagt.

Auch Martin J. befindet sich gerade in einer Umbruchphase. Der Lebensmittelchemiker schreibt Bewerbungen, im Januar hat er ein Vorstellungsgespräch. In den nächsten Wochen will er zusätzlich ein Berufsorientierungsseminar besuchen. „Ein Freund, dem vor Kurzem das Gleiche passiert ist, hat vorgeschlagen, dass wir einen Weinladen eröffnen“, erzählt er. „Erst habe ich darüber gelacht, mittlerweile finde ich die Idee, etwas völlig Neues zu starten, immer reizvoller.“

Eva-Maria und Wolfram Zurhorst: „Liebe dich selbst auch wenn du deinen Job verlierst“, Goldmann-Verlag, 18,95 Euro

Kirsten Schiekiera


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