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Gesundheit

Abnehmen mit Aminosäure - Wunsch oder Wirklichkeit?

Wer im Internet nach dem Begriff Aminosäure sucht, erzielt allerlei Treffer: von kommerziellen Anbietern von Nahrungsergänzungsmitteln über Diskussionsforen für Übergewichtige bis hin zu Artikeln über die Wirkweise verschiedener Stoffe.

Bonn/Berlin. Aminosäuren gelten in diesen Beiträgen häufig als Fatburner: Wer regelmäßig dieses Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehme, produziere schlank machende Hormone, verbrenne mehr Fett und fördere gleichzeitig den Muskelaufbau. Das klingt verlockend für all jene, die ein paar Kilos verlieren wollen. Aber was ist wirklich am Wundermittel Aminosäure dran?

"Es gibt zwar die weitverbreitete Mär, dass die zusätzliche Zufuhr isolierter Aminosäure in Tablettenform die Fettverbrennung steigert und die Muskeln wachsen lässt", sagt der Mediziner Klaus Richter vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin. Er ist Mitglied der Fachgruppe Ernährungsrisiken, Allergien und Neuartige Lebensmittel. "Aber es gibt keine Studie, die das belegen würde", stellt Richter klar. Als Mittel zum Abnehmen tauge das Nahrungsergänzungsmittel also nicht.

Deutsche sind mit Aminosäure eher überversorgt

Aminosäuren sind essenzielle Bestandteile des menschlichen Körpers. Sie sind wichtig für den Stoffwechsel, den Proteinhaushalt und den Muskel- und Gewebeaufbau. "Unentbehrliche Aminosäuren müssen wir über die Nahrung aufnehmen", sagt Richter. "Aber auch die Aminosäuren, die der Körper selbst produzieren kann, sind für ein gesundes Wachstum und Proteingleichgewicht dem Körper zuzuführen." In Fleisch, Eiern, Milch, Fisch oder Brot sind die Proteine enthalten. "Wer sich ausgewogen ernährt, ist reichlich damit versorgt."

Die Nationale Verzehrstudie II des Max Rubner-Instituts für Ernährung und Lebensmittel belegt sogar, dass die Deutschen mit Proteinen eher überversorgt sind. "Es bringt also nichts, noch mehr über Kapseln oder Pillen zuzuführen", sagt Richter. Wer abnehmen wolle, brauche sich keine Nahrungsergänzungsmittel zu kaufen, das sei rausgeworfenes Geld.

Über mögliche Nebenwirkungen isolierter Aminosäuren gebe es außerdem noch Wissenslücken. Bei niedriger Dosierung und kurzzeitiger Anwendung dürften Schäden zwar nicht zu erwarten sein, vermutet der Mediziner. Er empfiehlt aber, die Einnahme derartiger Präparate mit dem Hausarzt zu besprechen. "Wer zum Beispiel eine nicht entdeckte Nierenstörung hat, kann sie mit der zusätzlichen Proteinzufuhr verschlimmern", warnt der Experte.

Die vermeintlich leichte Lösung führt nicht zum Erfolg

Harald Seitz vom aid infodienst für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz in Bonn weiß um die Verlockung von Nahrungsergänzungsmitteln wie Aminosäure. Der Wunsch nach einer Pille zum Abnehmen, einer Wunderkapsel für den muskulösen Körper, sei groß. "Ein Lottogewinn ist ja auch einfacher, als jahrelang auf etwas hinsparen zu müssen", sagt Seitz.

Aber beim Abnehmen sei das Entscheidendste die Auseinandersetzung mit lieb gewonnenen Gewohnheiten. Der Experte stellt fest: "Das persönliche Ess- und Bewegungsverhalten muss auf den Prüfstand, wenn man wirklich abnehmen möchte oder muss." Alltägliche Verhaltensweisen aber sind meist tief verwurzelt, oft über Jahrzehnte antrainiert und an Stimmungen und Gefühle geknüpft. Deshalb führen meist kleine Schritte und viel Geduld zum Ziel. "Ich kann nur raten, sehr kritisch zu sein bei vermeintlich leichten Lösungen aller Art", sagt Seitz. Produkte wie Aminosäure änderten nichts an den tatsächlichen Ursachen des Übergewichts und führten langfristig nicht zu Erfolg.

Die Alternative zur Aminosäure heißt Geduld

"Wer abnehmen will, muss die Energiezufuhr drosseln", ergänzt Mediziner Richter. Das bedeute, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Experte Seitz empfiehlt, zunächst eine Woche lang über den eigenen Alltag Buch zu führen und so eingefahrene Arbeits- und Freizeitgewohnheiten zu dokumentieren.

"Überlegen Sie am besten gemeinsam mit einer Freundin oder einer Ernährungsfachkraft, was Sie tun können, um Ihre Energiewaage wieder ins Gleichgewicht zu bringen", rät Seitz. Man könne beispielsweise auflisten, welche positiven Veränderungen man mit dem Gewichtsverlust anstrebe - nicht mehr so schnell aus der Puste zu kommen etwa oder wieder in die schicke Hose zu passen. "Es wird Situationen geben, in denen es schwer fällt, auf etwas Gewohntes zu verzichten oder sich zum Sport aufzuraffen." Aber wer sich in solchen Momenten den Nutzen und den Sinn des Ganzen vor Augen führe, halte oft durch und verkrafte eventuelle Rückschläge.

dapd


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