Navigation:
Mitten im Leben
Gleichberechtigte Teilhabe: Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen plädiert für die Anerkennung der Vielfalt.

Gleichberechtigte Teilhabe: Petra Wontorra, Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen plädiert für die Anerkennung der Vielfalt.

Petra Wontorra im Interview

„Inklusion ist die Anerkennung der Vielfalt von Menschen“

Petra Wontorra, Niedersächsische Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen, spricht im Interview mit dem Magazin "Mitten im Leben" über das Bundesteilhabegesetz und warum es nicht immer nur um Kosten gehen kann.

Frau Wontorra, wenn man die Menschen auf der Straße auf den Begriff Inklusion ansprechen würde – glauben Sie, dass viele etwas damit anfangen können?

Ich glaube, viele denken, Inklusion bedeutet nur, dass Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderungen gemeinsam die Schule besuchen. Inklusion bedeutet viel mehr! Inklusion bedeutet „Einbeziehen“, Inklusion bedeutet, dass alle Menschen ein Recht auf gleichberechtigte Teilhabe in der Gesellschaft haben. Ich vermisse nach fast zehn Jahren, seitdem die UN-Behindertenrechtskonvention geltendes Recht ist, noch immer den wahren Wandel im Denken. Es kommt zuerst auf die Haltung an: Es geht um die Einbeziehung aller Menschen. Das Menschenrecht auf Inklusion beginnt mit der Geburt, gilt in Kindergarten und Schule, in der Freizeit, bei Klassenfahrten, in den Sportvereinen und bei Kulturveranstaltungen. Das hört nicht auf: Auch bei Praktikum, Ausbildung, Studium und Arbeiten müssen Menschen mit Behinderungen einbezogen werden. Und nicht zuletzt brauchen wir ausreichend barrierefreie Wohnungen für Singles und Familien, Wohngemeinschaften und Wohnprojekte. Inklusion betrifft alle Lebensbereiche von Menschen und alle Altersstufen. Das ist vielen wahrscheinlich gar nicht bewusst.

Was auch an der öffentlichen Diskussion liegt, denn dort wird Inklusion häufig mit Schule gleichgesetzt.

Ja, das kommt mir viel zu kurz in den Diskussionen. In der Vergangenheit haben wir Sondersysteme für Menschen mit Behinderungen geschaffen und ausgebaut, haben Menschen mit Behinderungen zuerst ausgegrenzt und später wieder integriert, sie also zurückgeholt. Der richtige Weg nach dem menschenrechtlichen Ansatz ist, von vorneherein den gemeinsamen Weg einzuschlagen, sodass jede und jeder bekommt, was tatsächlich gebraucht wird. Inklusion heißt für mich die Anerkennung der Vielfalt von Menschen. Jeder Mensch ist mit den gleichen Rechten geboren, hat das gleiche Recht, die lebenslang bestmögliche Bildung zu bekommen und wirksam auch die Teilhabe in der Gesellschaft verwirklichen zu können.

Ist das auch realistisch? Die ganze Welt der Menschen mit Behinderungen wurde in der Vergangenheit immer von dem Fürsorgegedanken getragen.

Das hatte die Ursache im Krieg. Die Menschen kamen aus dem Krieg nach Hause, konnten Kohlen nicht mehr aus dem Keller holen, konnten ihre Familien nicht mehr ernähren. Daraus resultierte das Versorgungsgesetz, wonach der Grad der Behinderung eingeführt wurde. Da ging es eben um die Frage, was kann der betroffene Mensch nicht mehr so wie andere. Seitdem hat es doch ein großes Umdenken gegeben. Ist dieses Umdenken tatsächlich passiert?

Ist der Fürsorgegedanken nicht in ganz vielen Verbänden, die mit behinderten Menschen zu tun haben, noch lebendig?

Wenn sie die klassischen Behindertenverbände meinen, mag das sein. Doch auch dort nehme ich Veränderungen wahr. Und dann haben wir ja auch die Szene der Selbstbestimmt- Leben-Bewegung. Spätestens durch die UNBehindertenrechtskonvention gibt es den großen Paradigmenwechsel, also den Wechsel grundlegender Werte. Mit dem Bundesteilhabegesetz wurde versucht, das umzusetzen. Allerdings muss man einräumen, dass es noch nicht der ganz große Wurf geworden ist. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung mit großem Verbesserungsbedarf.

Können Sie das konkretisieren?

Es gibt beispielsweise immer noch einen Mehrkostenvorbehalt. Es wird immer noch geguckt, was angemessen ist. Wer entscheidet „Angemessenheit“? Am Beispiel Assistenzleistung möchte ich das veranschaulichen: Kostenträger können jetzt verlangen, dass Menschen sich Assistenzen teilen müssen. Das könnte bedeuten, dass jemand, der ins Fußballstadion möchte, stattdessen nur das Angebot erhält, in einen Liebesfilm im Kino begleitet zu werden. Es kann aber auch darum gehen, dass jemand in ein Heim abgeschoben wird. Es kann nicht immer nur um Kosten gehen, sondern es muss darum gehen, Menschenrechte zu verwirklichen und zu wahren.

Aber Kosten sind natürlich ein wesentlicher Faktor. Jeder wird doch sagen, Inklusion ist eine großartige Sache, aber leider haben wir kein Geld dafür.

Was ist uns ein Menschenleben, was ist uns Lebensqualität wert? Es ist ja nicht so, dass kein Geld im System vorhanden wäre. Es ist meiner Meinung nach vollkommen falsch, immer nur nachzufragen, was etwas kostet. Nehmen wir das Beispiel inklusive Bildung. Da heißt es immer, inklusive Bildung sei teurer als andere. Das ist doch eine Milchmädchenrechnung, denn jeden Euro, den man in Bildung investiert, und dafür gibt es Statistiken, bekommt man mindestens dreimal wieder heraus. Ich glaube, bei Menschen mit Behinderungen ist der Multiplikator eher noch höher. Das heißt: Mache ich Menschen fit, geben ich ihnen die bestmögliche Förderung, sodass sie selbstbestimmt leben können, bekommt die Gesellschaft wieder etwas zurück. Ich selbst bin ein Mensch mit einer anerkannten Behinderung und ich arbeite hier. Aber wie wäre es gewesen, wenn ich keine Förderung bekommen hätte?

Stichwort: Budget für Arbeit. Ist es da wirklich gelungen, deutlich mehr Menschen in den ersten Arbeitsmarkt hineinzubekommen?

Die Zahlen sind leider noch sehr ernüchternd. Es gibt aber Bestrebungen, diese Zahlen anzukurbeln. Wenn man die Rahmenbedingungen verbessert, ist das ein gutes Instrument. Wenn Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber zusammenkommen wollen, knirscht es häufig noch. Wenn ein Arbeitsplatz besetzt wird, muss das in der Regel schnell passieren. Da kann man nicht ein halbes Jahr warten, bis alle Zusagen da sind. Das ist einfach eine Frage der bürokratischen Abläufe. Es gibt diesen berühmten Spruch: erst platzieren, dann qualifizieren. Aber was nützt das, wenn der Arbeitgeber nicht weiß, ob er die Mittel beispielsweise aus dem Budget für Arbeit überhaupt bekommt. Wir brauchen da flexible und schnelle Lösungen, indem wir dem Arbeitgeber die bürokratischen Hindernisse abnehmen.

Niedersachsen hat einen Aktionsplan Inklusion. Wie geht es dort voran mit der Umsetzung?

Der Aktionsplan Inklusion wurde für die Jahre 2017 und 2018 beschlossen. Ich nehme wahr, dass versucht wird, die beschlossenen Maßnahmen umzusetzen. Wir brauchen möglichst schnell wirksame Anpassungen des Gleichstellungsgesetzes für Menschen mit Behinderungen und der Bauordnung, die dann mindestens den Anforderungen der Musterbauordnung entsprechen muss. Daran geht kein Weg vorbei. Anfang Dezember wird es eine große Veranstaltung geben, bei der Menschen mit Behinderungen nach dem Motto „Nichts ohne uns über uns!“ ihre Ideen zur Fortschreibung des Aktionsplans für den nächsten Zwei-Jahres-Plan einbringen werden. Ich hoffe auf eine gute und mutige politische Begleitung!

Interview: Gerd Piper

Zur Person

Petra Wontorra wurde 1959 geboren. Sie hat zwei erwachsene Kinder und ist verwitwet. Die 57-Jährige ist auf den Rollstuhl angewiesen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine Lehre als Werbekauffrau und war später einige Jahre Teilprokuristin im elterlichen Betrieb. Danach arbeitete sie im Team Bürgerhaus Oslebshausen e.V. 18 Jahre lang als Assistentin der Geschäftsleitung mit. In der Behindertenbewegung hat sich Petra Wontorra unter anderem als stellvertretende Vorsitzende von SelbstBestimmt Leben e. V. Bremen engagiert. In ihrer Funktion als Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderungen arbeitet sie unabhängig und ressortübergreifend.


Anzeige

Notruf für die Stadt Hannover

Notrufsäulen im Stadtgebiet sollen Hilfesuchenden weiterhelfen

Krankentransport, ärztlicher, zahnärztlicher und tierärztlicher Notdienst, Gift-Notruf, Hilfe bei psychischen Problemen oder Schwangere in Not - hier finden Sie die wichtigsten Notruf-Telefonnummern.

Anzeige