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Familie

Generationen unter einem Dach

Mit Kindern und Enkeln in einem Haus zu wohnen, ist wieder im Trend. Einige Großeltern wissen noch aus früheren Zeiten die Vorteile der Gemeinschaft zu schätzen.

Annaberg/Bonn. Aber bevor mehrere Generationen zusammenziehen, sollten sie sich über ihre Erwartungen aneinander im Klaren sein, betont Uwe Kleinemas, Alternsforscher an der Universität Bonn. Manche wünschen sich in erster Linie eine Zweckgemeinschaft, für andere geht es darüber hinaus um die Freude am Miteinander und das Gefühl gegenseitiger Verbundenheit. "Das eine ist so gut wie das andere, allerdings sollten sich die Bedürfnisse der Beteiligten möglichst entsprechen", meint der Psychologe.

Im Idealfall halten sich in Mehrgenerationenhäusern Geben und Nehmen der Mitbewohner die Waage. Erhoffen sich Senioren aber beispielsweise ausschließlich, dass die Jüngeren sie im Pflegefall versorgen, könne dieses Gleichgewicht gestört werden, warnt Kleinemas. Das könne auch umgedreht passieren, etwa wenn die Jüngeren die Großeltern über Gebühr für Dienste einspannten wie Kinderbetreuung oder Handwerker- und Gartenarbeiten. Sobald eine Generation versuche, einseitig einen Nutzen aus dem Zusammenleben zu ziehen, werde der Gemeinschaftsgedanke beschädigt.

Der Psychologe gibt auch zu bedenken, dass sich nicht jeder Mensch in derartigen Wohnprojekten wohlfühlt. Für Persönlichkeiten, die schwer Kompromisse schließen könnten und ihre eigenen Ansprüche möglichst hundertprozentig erfüllt haben wollten, sei diese Lebensform eher ungeeignet. Manche älteren Menschen machten mit dem Leben in einer Großfamilie nicht nur gute Erfahrungen. "Verbinden Senioren damit vorwiegend Erinnerungen an Zwangsverpflichtungen oder den Verzicht auf Individualität, sollten sie besser die Finger davon lassen", rät er. Wer sich unsicher fühlt, aber einem solchen Projekt gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen ist, kann seine Neigungen und Fähigkeiten beispielsweise in einem Gruppenurlaub im erweiterten Familien- oder Freundeskreis einfach mal ausprobieren. In manchen Mehrgenerationenhäusern besteht auch die Möglichkeit, an Schnuppertagen gemeinschaftliches Zusammenleben kennenzulernen oder auf Probe dort einzuziehen.

Wollen Generationen einer Familie zusammenziehen, sollten alte Streitigkeiten im Vorhinein aus dem Weg geräumt werden. "Hegen Familienmitglieder einen Grundgroll gegeneinander, ist ein Zusammenleben im selben Haus nicht empfehlenswert", betont Martina Flath, Psychologin und Seniorenexpertin aus dem sächsischen Annaberg. Großeltern und Eltern sollten klarstellen, was sie leisten können und wollen. In einer Sache sollten sich Großeltern hingegen zurücknehmen: "Ungefragte Ratschläge nerven junge Leute", warnt Flath. Ein häufig unterschätztes Problem sei außerdem die Privatsphäre. "Auch Familien, die sich sehr gut verstehen, sollten eine eiserne Regel beachten: Die Wohnung der anderen ist tabu. Sie wird niemals betreten, ohne vorher anzuklopfen oder zu klingeln."

Die Vorteile von Mehrgenerationenhäusern liegen auf der Hand. Das Zusammenleben mit der Familie gibt vielen Senioren Sinn und Erfüllung im Alltag. "Großeltern fühlen sich nicht so einsam. Bei Krankheit sind sie nicht komplett auf sich allein gestellt", erläutert Flath. Durch den Kontakt zu Jüngeren behielten Senioren zudem Anschluss an die moderne Zeit. Außerdem übertrage sich der Tagesablauf einer berufstätigen Familie auch auf die Großeltern und gebe ihrem Leben Struktur. Manche seien in Pflichten eingebunden, müssten zum Beispiel Enkel abholen, und haben so Fixpunkte am Tag. Auch für die Jüngsten seien Großeltern im Haus eine Bereicherung. "Sie haben in der Regel mehr Zeit zum Spielen und können den Kleinen Dinge weitergeben, die ihre Eltern nicht mehr können oder für die sie keine Zeit haben."

Dies bedeute aber nicht zwangsläufig eitel Sonnenschein im Mehrgenerationenhaus. "Großeltern haben manchmal das Gefühl, sich den Wünschen der Jüngeren beugen zu müssen und weniger Rechte zu haben", betont die Expertin. Häufig fehle der zweiten Generation auch Verständnis für die Langsamkeit älterer Menschen oder deren gesundheitliche Probleme. Treten Konflikte auf, sollten sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und im sachlichen Ton klären, was sie stört. Auch wenn es keinen direkten Anlass gibt, rät die Seniorenexpertin zu regelmäßigen Konferenzen, die dem Muster folgen: Zuerst sagen, was gut ist. Dann berichten, womit man nicht zufrieden ist, zum Schluss klären, wie man es besser machen kann. Droht die Beziehung zwischen den Generationen dauerhaft Schaden zu nehmen, empfiehlt Flath allerdings doch den Auszug. "Das ist immer noch besser, als ein kaputtes Verhältnis." Mit Mehrgenerationenhäusern verhalte es sich wie mit einer Ehe: "Beide Seiten müssen sich darum bemühen, damit es klappt", sagt die Psychologin.

dapd


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