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Familie

Adoptivkinder sollten Wahrheit schon auf dem Wickeltisch erfahren

Für Adoptiveltern kommt einmal der Tag, ihrem Kind die Wahrheit über dessen Herkunft zu sagen. Umso früher sie dies tun, desto besser, sei es, sagt die psychologische Psychotherapeutin Irmela Wiemann aus Frankfurt.

Frankfurt/Main. Sie empfiehlt, dem Kind bereits auf dem Wickeltisch zu erzählen, dass es in eine Adoptiv- oder Pflegefamilie aufgenommen wurde. "Auch wenn Kinder in diesem Alter den Inhalt der Worte noch nicht verstehen, können Eltern dabei ihre eigene Barriere überwinden und sich mit dem Thema vertraut machen. Später fällt es dann leichter, mit dem Kind zu sprechen", betont die Autorin ("Wie viel Wahrheit braucht mein Kind?", Rowohlt).

Auf keinen Fall sollten Eltern warten, bis das Kind selbst die Frage stellt: "War ich in deinem Bauch?" Denn nicht jedes Kind frage, und wenn es zu spät frage, riskierten die Eltern einen Vertrauensbruch. "Wird der richtige Zeitpunkt versäumt, kann das Kind erschrocken reagieren. Es fragt sich dann: 'Kann ich meinen Eltern noch vertrauen?' Dadurch wird aufgrund der frühen Trennung das vorhandene Bindungsmisstrauen genährt", erläutert die Expertin. "Ganz tief drinnen weiß das Kind, dass es weggegeben wurde." Adoptivkinder gingen aufgrund dieses ersten Bruchs von der leiblichen Mutter mit Bindungen "hochsensibel" um und trügen oft Angst in sich, auch die Adoptiveltern zu verlieren.

Wenn das Kind etwa zwei Jahre alt ist, sollten Eltern daher beginnen, dem Kind bewusst die Geschichte seiner Adoption zu erzählen. "Das Kind begreift das nicht gleich. Erst mit zweieinhalb bis drei beginnt es zu verstehen", betont die seit 40 Jahren tätige Familientherapeutin. Deshalb sei es hilfreich, die Geschichte oft zu wiederholen. Die richtigen Worte dafür zu finden, sei nicht leicht. Eltern sollten ihrem Adoptivkind keine Märchen auftischen und zum Beispiel behaupten, die leiblichen Eltern hätten zu wenig Geld gehabt, um das Kind zu behalten. In Kindergarten oder Schule lerne es andere Kinder kennen, deren Eltern auch arm seien und trotzdem ihr Kind behalten hätten. Besser erklärten sie, dass Mutter und Vater damals keine Kraft hatten, es großzuziehen.

Über leibliche Eltern positiv reden

Die Offenbarung der Wahrheit verbessere in der Regel die Adoptiveltern-Kind-Beziehung. Aber die Beziehung des Kindes zu sich selbst könne sich verändern. Häufig spüre es Trauer oder Selbstzweifel, weil es ja weggegeben wurde. Auch stelle es sich die Frage: Wenn ich eine schlechte Mutter habe, bin ich dann auch schlecht? "Manchmal fällt es annehmenden Eltern schwer, damit umzugehen", weiß Wiemann. "Wichtig ist, dass sie dem Kind etwas Positives über die leiblichen Eltern vermitteln, zum Beispiel ihre Dankbarkeit darüber, dass sie es geboren haben. Über Negatives sollten sie gemeinsam mit dem Kind trauern."

Adoptiveltern müssen sich nicht scheuen, die leiblichen Eltern im übertragenen Sinn in die Familie "hineinzuholen". Sie können auch auf positive Merkmale oder Charaktereigenschaften hinweisen, die das Kind von ihnen mitbekommen hat. "Es ist wichtig, dass die Adoptiveltern innerlich ihren Frieden mit den leiblichen Eltern ihres Kindes finden", stellt die Expertin klar. Kinder kopierten dieses Gefühl. Manchmal kann dieser Prozess der Aussöhnung eines Adoptierten mit seinem Schicksal aber bis ins Erwachsenenalter dauern.

dapd


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