Hella Neumann kann das Anliegen der Besetzer nachvollziehen: „Viele alte Häuser werden in Eigentumswohnungen umgewandelt.“
Von Annette Rose
Hannover. „Wir werden nicht in Winterschlaf verfallen“, kündigten Aktivisten von „Kampagne Ahoi“ gestern an. Man werde weiter für ein Stadtteilzentrum kämpfen, wo sich Menschen treffen könnten, die sich durch die Umwandlung preisgünstiger Wohnviertel in Wohnraum für gutverdienende Eigentümer verdrängt fühlen.
Die Besetzung durch „Kampagne Ahoi“ dauerte diesmal nur wenige Stunden. In der Nacht zum Sonnabend hat die Polizei ihr ehemals angemietetes Dienstgebäude, das einem finanzstarken Immobilienfonds gehört und verkauft werden soll, wieder geräumt. Bürger in Linden haben das Geschehen aufmerksam verfolgt, erfuhr die NP bei einem Rundgang. Viele können das Anliegen der Aktivisten nachvollziehen. Die NP traf im Café K Esther Ewert (21), Caroline Grebasch (26) und Ilona Klein (23). Sie leben mit einer vierten Frau in einer Wohngemeinschaft zusammen. Esther und Ilona studieren Modedesign. „Wir haben Glück gehabt, dass wir eine 120 Quadratmeter große Wohnung für gut 900 Euro Warmmiete gefunden haben“, sagen sie, „wir kennen Leute, die ausgezogen sind, weil die Miete erhöht wurde.“
Überall könne man in Linden beobachten, dass saniert werde und die Mieten dann anstiegen. Dies sieht auch Lehrerin Hella Neumann (65) so: „Wohnungen in alten Häusern werden saniert und dann als Eigentumswohnungen verkauft. Billiger Wohnraum wird immer weniger.“ Neumann, die bis zu ihrer Pensionierung in einem Kinderheim unterrichtete, findet außerdem, dass Linden noch ein Jugendzentrum vertragen könnte, „in Linden-Nord“. Dort gebe es viele Jugendliche, die kein Geld hätten und nicht wüssten, wohin. Jamal (15), Angelo (16) und Nico (15), die wir auf der Limmerstraße trafen, meinten dagegen: „Ein Jugendzentrum brauchen wir nicht, es gibt schon zwei. Unser Gebiet ist die Straße.“
Es gehe nicht nur um ein Jugendzentrum, obwohl auch 15-Jährige zu „Kampagne Ahoi“ gehörten, sagt deren Sprecher Sebastian (24), Student der Sozialwissenschaften. Man brauche eine Anlaufstelle für alle, die sich „gegen Verdrängungsprozesse“ aus ehemals preisgünstigen Wohngebieten wehren wollten. Gentrifizierung sei das Schlagwort für diesen Prozess: „Wir möchten ein Haus für die unterschiedlichsten Menschen, wo sie sich ohne Konsumzwang treffen können, wo es kostenlose Rechtsberatung gibt und einen Umsonst-Laden.“
Und wo man sich vernetzen könne gegen Verdrängung. Dieses Haus müsse selbstverwaltet sein, autonom. Und warum nicht Kornstraße, Glocksee oder das Faustgelände nutzen? „Die Kornstaße ist zu weit weg.“ Glocksee und Faust seien Veranstaltungszentren, die für den angestrebten Zweck nicht geeignet seien. Kontakt zur Stadt haben die Besetzer offenbar nicht. Sprecherin Ulrike Serbent-Kniep: „Bisher sind sie nicht an uns herangetreten, wir sind aber immer zu Gesprächen bereit.“
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