Fünf vor Zwölf: Wie gehts mit Karstadt weiter?
Wenig deutet in Hannover auf einen Schicksalstag hin. Der Regen treibt zahlreiche Kunden in das Karstadt-Haus, die Angestellten bedienen am Donnerstag routiniert. London, wo sich die Zukunft der Beschäftigten zum selben Zeitpunkt entscheidet, scheint weit weg. Doch die Anspannung ist greifbar. „Es ist ein magischer Tag - sehr spannend und nervenaufreibend“, sagt eine 51-Jährige. Mehr als zwei Jahrzehnte ist sie bereits bei der Warenhauskette beschäftigt. Angst vor der Zukunft habe sie schon. „Mit 51 Jahren schaffe ich schließlich nicht so leicht einen Neuanfang wie eine 20-Jährige.“
Viele ihrer Kollegen sehen die seit Monaten brisante Lage gelassener. Es könne zwar immer sein, dass man seinen Job verliere, sagt Holger Foecking, Angestellter in der Filiale in Essen, wo Karstadt auch seinen Unternehmenssitz hat. „Zu achtzig Prozent bin ich sicher, dass es klappt“, erklärt der 56-Jährige dennoch und schränkt ein: „Wir wollen nur Berggruen.“
Investor Nicolas Berggruen ist der große Hoffnungsträger in der Belegschaft. Doch für seinen Einstieg bei dem gebeutelten Unternehmen hatte der 48-Jährige zur Bedingung gemacht, dass der Karstadt- Vermieter Highstreet Mietsenkungen zustimmt. In London kamen die Highstreet-Gläubiger am Donnerstag zu einem entscheidenden Treffen zusammen.
„Es nervt zwar, dass sich das immer wieder hinzieht“, sagt Monika Herrmann, Verkäuferin für Damenbekleidung in Essen. „Aber wir haben keine Angst.“ Die Stimmung im Haus sei nach wie vor positiv, die Besucher kämen von nah und fern. Dass die vor zwei Jahren in einem Einkaufszentrum eröffnete „Filiale der gehobenen Art“ bei einem möglichen Scheitern des Kaufvertrags mit Berggruen von einer Schließung betroffen sein könnte, glaubt sie nicht. „Ich denke gar nicht daran, hier aufzuhören“, sagt die 61-Jährige.
In der Dresdner Karstadt-Filiale herrscht ebenfalls verhaltener Optimismus. Kaum ein Mitarbeiter kann sich vorstellen, dass keine Einigung zustande kommt. Offen reden will allerdings niemand. „Wir können ja doch nichts ändern und müssen die Verhandlungsergebnisse abwarten“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Über berufliche Alternativen hätten sich die meisten noch keine Gedanken gemacht. Ein selbstständiger Mieter von Verkaufsfläche in dem Warenhaus sieht die Sache gelassen. Die Filiale schreibe schwarze Zahlen und habe wenig Konkurrenz - irgendein Investor werde sie schon übernehmen.
Keine Zukunftsängste plagen eine 22-jährige Angestellte in Hannover. „Für mich ist es keine Frage, ob Karstadt zerschlagen wird. Es kann einfach nicht sein, dass ein so großer Konzern in die Brüche geht.“ Ihre 57 Jahre alte Kollegin, die seit 40 Jahren bei Karstadt arbeitet, will sich auch von der Sorge vor möglichen Entlassungen nicht entmutigen lassen: „Wir machen immer weiter. Mehr kann man ja nicht tun.“
(André Jahnke, Julia Wäschenbach, dpa)
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