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Oberricklingen

Die "rote Ecke" mit den spitzen Giebeln

Unterwegs mit Traktor und Kinderwagen in Oberricklingen
Arbeitersiedlung in Oberricklingen

Kurz nach der Jahrhundertwende entstand die erste geschlossene Arbeitersiedlung in Oberricklingen.

© Patrice Kunte

Die Windschutzscheibe des Hanomag Brillant 601 ächzt, als sie Matthias Arend aufklappt. Das geht noch bei diesem Traktor-Modell, Baujahr 1971, gefertigt in Linden. Heute steht der Nostalgie-Trecker nur ein paar Kilometer von seinem Herkunftsort entfernt – vor Arends Garage in der Gehrdener Straße 11, Oberricklingen.

„Der Traktor muss bald mal zum TÜV“, sagt der Besitzer. Seit vier Jahren tuckert der 48-Jährige mit dem Oldtimer durch seinen Stadtteil, mal zum Kiosk, manchmal auch zur Arbeit nach Hemmingen, falls sein Auto beim Service ist.

Der Mann mit dem Trecker ist ein Blickfang im Viertel – eher beneidet als belächelt. Für den gelernten Schlosser bedeutet sein Traktor Freiheit, Entspannung und Gemütlichkeit. Manchmal auch Arbeit. Dann hilft er Nachbarn: „Ich habe damit schon kaputte Bäume in Vorgärten ausgerissen.“

In der Tat ist Nachbarschaftshilfe in Oberricklingen nichts Ungewöhnliches: „Der Zusammenhalt ist groß“, sagt Ingolf Müller (61), ein untersetzter Mann mit ausgeprägtem Oberlippenbart. Erst vor gut zehn Jahren ist er in den Stadtteil gezogen. In jenes Häuschen, in dem Starkünstler WP Eberhard Eggers einst aufwuchs. Heute ist Müller der Vorsitzende der Siedlergemeinschaft imStadtteil.

Er lebt für sein Engagement: „Man kennt sich – und man hilft sich“, sagt er. Sein Verein organisiere außerdem, Weihnachtsfeiern, Aktionen für Kinder und Straßenfeste. Die 34 Euro Mitgliedsbeitrag im Jahr werden noch per Hand kassiert. „So können wir auf Fragen und Sorgen der Bürger eingehen.“ Müller fühlt sich wohl in dem Viertel, das zum großen Teil aus einfachen Einfamilienhäusern mit spitzen Giebeln und kleinen Vorgärten besteht.

„Eine reine Arbeitergegend war das mal, eine ganz rote Ecke“, sagt Angelika Walther (56). Die stellvertretende Präsidentin der Region Hannover wohnt einen Steinwurf von Ingolf Müller entfernt – in einem verträumten Haus an der Munzeler Straße. Viele Oberricklinger hätten damals in den nahen Großbetrieben gearbeitet: „Bei Telefunken, Hanomag oder Leichtmetall“, erzählt Walther.

Aus dieser industriell geprägten Ära stammen auch die mehrstöckigen Häuser aus dem sozialen Wohnungsbau, die rund um die Gronostraße entstanden – die so genannte Greizkuhle. Eine schwierige Gegend mit sozialen Problemen. „Hier leben Leute, die fast nichts haben, die mit Hartz-IV auskommen müssen“, sagt Walther. Aber:Es tue sich etwas. „In dem Karree wurde in den vergangen Jahren viel saniert, die meisten Wohnungen verfügen jetzt über ordentliche Sanitäranlagen und Heizungen.“

Dass sich etwas ändere, findet auch Dirk Bögeholz (48), der in dritter Generation eine Fleischerei am Nenndorfer Platz betreibt. „Der Stadtteil verjüngt sich“, sagt er. Auf den Spielplätzen sei wieder Kindergebrüll zu hören. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist Christiane Wicke (29): Sie ist vor zwei Jahren nach Oberricklingen gezogen, schiebt ihren Nachwuchs Abby (2) und Katy (10 Monate) im Kinderwagen den Gehsteig entlang. „Klar, in der Stadt ist mehr Leben. Dafür genießen wir hier die Ruhe“, sagt sie. Diese Beschaulichkeit gefällt der Familie so sehr, dass auch Wickes Eltern beschlossen haben, ihr zu folgen. Nach 50 Jahren in der List.

[Philipp Lackner]

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