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Echter Butjer: Egon Kuhn, (82),vor dem Freizeitheim.

Echter Butjer: Egon Kuhn, (82),vor dem Freizeitheim.

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Interview

Egon Kuhn: "Der Mythos Linden lebt noch immer"

1965 übernahm der Osnabrücker Egon Kuhn (82) das Freizeitheim Linden. Seitdem gilt er als Lindener Urgestein. Ein echter Butjer.

Wie kamen Sie nach Hannover?

Eigentlich wollte ich eine Stelle in Hildesheim antreten. Aber da fragte der Kulturdezernent, ob ich katholisch sei. In Hannover wollten sie wissen, ob ich ein Parteibuch der SPD habe.

Ihr erster Eindruck von Linden?

Erschreckend. 20 Jahre nach Kriegsende gab es immer noch Bombenschäden und Trümmer, alles war grau in grau. Nur die Architektur des Freizeitheims aus dem Jahr 1961 war revolutionär. Drin waren aber fast nur alte, abgearbeitete Menschen. Ab zehn Uhr strömten sie in die Räume, blieben bis auf eine Mittagspause oft bis 23 Uhr – damit sie daheim nicht heizen mussten.

Wie lief die Kontaktaufnahme?

Ich bin gleich am nächsten Abend in die Kneipe „Krokodil“ gegenüber marschiert – da saßen die wichtigsten Sozis am Tresen. Einer war Schlachter, einer Kohlenhändler, ein anderer Reifenwechsler bei der Conti. Die haben mir eine „Gebrauchsanweisung“ für Linden vermittelt, wir haben jeden Abend diskutiert, das Vertrauen wuchs. Das „Krokodil“ war meine Universität.

Was haben Sie gelernt?

Man muss die Menschen hier ernst nehmen, an ihrem Leben und an ihrer Geschichte teilnehmen. Und ihre Interessen vertreten. Der Stadtteil musste saniert werden, es fehlte Wohnraum. Außerdem gab es damals immer noch den Plan, aus der Limmerstraße einen vierspurigen Autobahnzubringer zu machen. So weit kam es nicht. Linden-Nord ist eben am kämpferischsten von den drei Stadtteilen.

Wie kommt das?

Das Wort Butjer kommt von „buten un binnen“, das bedeutet „draußen und drinnen“. In keinem Stadtteil ist die Arbeiterbewegung so tief verwurzelt wie in Linden, wo vor den Toren der Stadt große Industrien entstanden – Karl Marx war oft in Linden, August Bebel und Rosa Luxemburg auch. Die Lindener sind eigenwillig, manchmal auch derb. Als ich mir 1970 einen Schnauzer wachsen ließ, sammelten sie mehr als 300 Unterschriften, forderten „Der Bart muss ab!“. Ich trage ihn bis heute. Und bin anerkannter Butjer.

Wie hat sich Linden-Nord verändert?

1968 kamen die jungen Leute und haben den Stadtteil aufgemischt – auf der Limmerstraße wurden Stühle nach draußen gestellt, gefrühstückt wurde spät. Früher war das Betreten der Grünflächen verboten – dann kamen die ersten Türken und machten ihr Familienpicknick auf der Wiese. Dieser Stadtteil hat schon immer international gedacht: Man achtet sich, begegnet sich mit Respekt, lebt friedlich nebeneinander.

Was bedeutet Ihnen Linden?

Wenn Sie mir eine Villa am Maschsee schenken würden, würde ich da nie hinziehen! Ich mag die Mentalität der Menschen hier. Der Mythos Linden lebt immer noch.


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