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Ganz schön was los in dieser Fußgängerzone!

Ganz schön was los in dieser Fußgängerzone! Vor fünf Jahren wurde das umstrittene Projekt durchgesetzt. Über die Limmerstraße rumpelte in Sieben-Minuten-Rhythmus in zwei Richtungen die Linie 10, Busse pendeln hier durch. Die Bahn hat frei Bahn - die Autos nicht unbedingt! Pkw-Fahrern ist zwar erlaubt, die Straße an bestimmten stellen zu kreuzen, aber viele ignorieren das einfach und preschen über die Limmerstraße. Die wird aber tapfer (und manchmal durchaus rabiat) von Radfahrern, Müttern mit Kinderwagen und Fußgängern verteidigt.© Frank Wilde

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Linden-Nord

Bunte Tüte auf der Limmerstraße

Linden-Nord ist vielfältig, streitbar und eigensinnig

Leben. Und leben lassen. Das ist das Credo von Linden-Nord. Das Revier nördlich und südlich der Limmerstraße ist wie eine bunte Tüte vom Kiosk: Mal zieht man eine salzig-süße Lakritzstange heraus, dann wieder ein butterweiches Gummibärchen, manchmal auch ein schrill-buntes Kaubonbon.

Punks, die sich mit ihren Hunden vor dem Supermarkt niederlassen, in dem kurz vor 22 Uhr noch emsiger Betrieb herrscht. Studenten, die in den vielen Cafés um elf Uhr den ersten Milchkaffee des Tages schlürfen. Junge Leute, die spätabends mit Bierflaschen über die Limmerstraße oder Richtung Faustgelände ziehen. Die Schwarze mit dem kahlgeschorenen Kopf, die immer lautstarke Selbstgespräche führt. Türkische Männer, die am Straßenrand spontan einen Debattierklub eröffnen. Der selige Wood­stock-Fan, der spätabends mit seinen Kumpels am Leineufer Luftgitarre spielt. Christoph Glinkowskis kleine Rastazöpfe ragen unter dem Basecap hervor, auf der rechten Wade prangt ein Tattoo. „Keiner stört sich hier an dem anderen“, sagt der 28-Jährige zufrieden, „das mag ich.“

Linden-Nord hat seine eigenen Gesetze. Systemgastronomie? Keine Chance. Die schicke Balzac-Filiale wurde von den Lindenern einfach so lange ignoriert, bis sie aufgab. Latte Macchiato hat schließlich vor 21 Jahren der Sizilianer Francesco Privitera in seinem Bistro eingeführt, als das Wort noch kein Mensch kannte. „Siezen? Auf keinen Fall! Hier sind alle per Du.“ Das hat Mustafa Güngör (31) als Erstes gelernt, als er vor sieben Jahren im Kiosk an der Leinaustraße anfing. „Alles inklusive“ steht über dem Eingang des kleinen Ladens. Vor allem Freundlichkeit gibt es inklusive – nicht nur hinter dem Tresen, auch von den Stammgästen. „Das ist sehr familiär hier, jeder kennt jeden“, schwärmt Güngör über das Viertel, in dem viele seiner Landsleute leben. 9,5 Prozent der Menschen in Linden-Nord haben einen türkischen Pass. Das Thema Integration spiele aber eigentlich keine Rolle. Das Miteinander werde gelebt. Güngör zuckt mit den Achseln. „Ist doch alles ganz normal hier, oder?“

Normal ja, durchschnittlich nie! „Linden-Nord ist kämpferisch“, lobt Urgestein Egon Kuhn (siehe Interview). Stimmt. Sitzstreik vor der Kirche, 1700 Unterschriften gegen die „unbarmherzigen Schwestern“, sogar eine Hausbesetzung – seit den Antisanierungsprotesten in den späten 70ern hatte in Linden nichts mehr so für Aufruhr gesorgt wie der Abriss des Hauses Benno­straße 5, das einem Altenheim des Vinzentinerinnenordens weichen sollte. Nicht unterkriegen lassen, immer weitermachen. Das gilt auch für Radio Flora. Der Bürgerrundfunk auf dem Faustgelände hat zwar die Lizenz verloren, sendet aber munter als Webradio weiter mit persischen Nachrichten, Weltmusik, Politik und Subkultur. Und weil der Kampf ohne Spaßfaktor nur halb so lustig ist, gab es in den vergangenen Jahren immer im September die Gemüseschlacht auf der Dornröschenbrücke – martialisch ausstaffierte Nordstädter und Lindener bombardierten sich mit faulen Tomaten und Matsch-Obst. Einem Mercedes-Fahrer, der zu Gast im Stadtteil war, jagte das einen Heidenschreck ein ...

Linden-Nord muss man mögen. Der Stadtteil ist eigenwillig, sperrig, widerborstig. Kein Musterschüler, sondern manchmal trotzig wie ein kleines Kind, das mit dem Fuß aufstampft. Kein Wohnort, sondern irgendwie auch eine Lebenseinstellung. „Revolution ist klasse. Alles andere ist quak“ steht mit eigenwilliger Rechtschreibung als Graffito an einer Hauswand der Fröbelstraße.

„Stillstand gibt es nicht, Linden ist immer im Wandel“, sagt Ingmar Hampe (42), dessen Familie am Schmuckplatz seit 1958 ein Fischgeschäft betreibt. „Manchmal habe ich das Gefühl, die ganze Welt dreht sich nur um dieses Viertel.“Das sieht Hartmut Rienacker genauso. Der 72-jährige Bremer, der sein schweres Motorrad direkt vor der Ladentür geparkt hat, lebt seit 1981 hier – „im Herz von Hannover“, wie er betont. Und schon entbrennt am Tresen ein Wortgefecht über Linden und den Rest der Welt. Während ein junger Typ mit schwarz-blondem Irokesenschnitt Bismarckheringe kauft. Bunte Tüte eben.


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