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Limmer

Blaubeeren pflücken im Zweistromland

Große Zahlen, kleine Welt: Limmer am liebsten für immer
Der Wasserturm: Wahrzeichen des Stadtteils Limmer

Der 51 Meter hohe Wasserbehälter des ehemaligen Continental-Werkes soll als Wahrzeichen des Stadtteils erhalten bleiben.

© Christian Behrens

Schwarze Buchstaben auf gelben Grund, elf Lettern, die alles überstrahlen: „Continental“ liest man, wenn man Beckenrand des Volksbades steht. „Continental“springt ins Auge, wenn man am Eingang der Kleingartenkolonie Schleusengrund steht. „Continental“ mahnt der Schriftzug, wenn man aus der Nikolaikirche tritt.

Der 51 Meter hohe Wasserturm der ehemaligen Reifenfabrik soll ein Wahrzeichen für den Stadtteil bleiben. Die alten Produktionshallen mit zerbrochenen Glasscheiben, bröckelnden Mauern und Graffiti-Kunstwerken sind bereits verschwunden. Was kommt, ist die Wasserstadt. 500 Atriumhäuser sollen hier entstehen. Ein 200-Millionen-Projekt.

Eine Summe, die einem besonders irrwitzig erscheint, wenn man in der Straße Limmerbrunnen einen Esel friedlich vor den prächtigen alten Villen weiden sieht. Oder wenn man die Sackmannstraße entlangschlendert. Hier ist Limmer alles andere als kontinental. Das Festland ist rund um die Nikolaikirche ein Dorf geblieben, mit Fachwerkhäuschen, Vorgärten und dem Muhen der Kühe.

Ja, die gibt es hier noch! Hermann Völxen züchtet gleich nebenan wertvolle Charolaiskälber – der letzte Bauer ist ein Original. Und weltberühmt: Als ihm vor zwei Jahren Kuh Beate ausbüxte und drei Stunden durch Limmer und Linden trabte, da war das auch der Londoner „Times“ eine Meldung wert.

Zweistromland – unter diesem Begriff startete der Kulturverein vergangenes Jahr eine Veranstaltungsreihe. Er passt zum Viertel, das mehr Wasser hat als andere. „Und so viele Brücken wie Venedig“, scherzt Rudolf Lotze (70). Die Leine windet sich durch satte Wiesen, der Stichkanal führt zum Hafen, die Fösse schlängelt sich als Rinnsal am Stadtteilrand entlang, der Verbindungskanal ist eine Achse mit glasklarem Wasser.

Limmer. „Am liebsten für immer!“ Der Reim gefällt der 37-jährigen Martina, die ihren Kinderwagen Richtung Kanalufer schiebt. Das haben sich sicher auch die Familien gedacht, die in der Dieselstraße Häuser gebaut haben – und nun den Schleusenausbau fürchten. Noch ein 200-Millionen-Projekt.

Große Zahlen, kleine Welt. Karim Eloy hat in der Metropole Madrid gelebt – Limmer ist ihm lieber. „An der Schleuse kannst du Brombeeren pflücken und damit selbst Marmelade einkochen. Das ist doch das reinste Erholungsgebiet hier“, grinst der 36-Jährige. Das sieht sein Kumpel Thomas Matschy genauso. „Linden war mir irgendwann zu rummelig“, sagt der 33-jährige Musiker. Er ist sicher: „Limmer wird unterschätzt.“

Allerdings hat man es als Zugereister nicht leicht. Cem Selek hat 2003 das Café Rossi in der Weidenstraße eröffnet. „Man braucht einen langen Atem. Fünf Jahre lang sind einige alte Limmeraner an meiner großen Fensterfront vorbeigegangen.“Bis er ihr Vertrauen gewann.

Die Erfahrung hat auch Karin Reihl gemacht. Ihr Lokal „Doms-Röschen“ sorgte für erhöhten Puls bei den Nachbarn. Denn die Kneipe an der Wunstorfer Landstraße ist zugleich Vereinslokal und Lebenshilfe für Menschen mit Sado-maso- und Fetisch-Neigung.

Unterschriftenlisten kursierten, Beschwerdebriefe gingen an die Stadt. Heute finden im Lokal Kommunionsfeiern statt, eine Kindergartengruppe tagt regelmäßig hier. „Es war wohl die Angst vor dem Neuen“, sagt Reihl. „Die Limmeraner haben gemerkt, dass wir ganz normale Menschen sind.“ Eine wahrhaft kontinentale Lebenseinstellung.


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