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Wülferode

Das Dorf hinter dem Berg

887 Wülferoder unter sich: „Hier kennt jeder jeden."
Dörfliche Idylle in Wülferode

Dörfliche Idylle in Wülferode

© Patrice Kunte

Wenn Gustav Beiker (73) ein Bier zapft, kann das schon mal dauern. Stress scheint der Wirt vom „Gasthaus von Horn“ in Wülferode nicht zu kennen, er hat die Ruhe weg. Ein bisschen sieht er aus wie Ottfried Fischer mit weißen Haaren, sicherlich schlanker, aber er versprüht dieselbe Gemütlichkeit, dieselbe Gelassenheit wie der Mann aus dem Fernsehen.

Es heißt, die Theke, an der Beiker seit mehr als 30 Jahren arbeitet, sei die kleinste Hannovers. Keine zwei Meter ist sie lang, manche behaupten sogar, sie sei die kleinste der Welt. Man weiß es nicht. Was feststeht: Sie ist die einzige in Wülferode. Denn außer der Kneipe von Gustav Beiker gibt es kein weiteres Gasthaus im Stadtteil. Vor gut drei Jahrzehnten gab es noch zwei Lokale, drei Geschäfte, eine Schlachterei und einen Bäcker. Geblieben ist einzig Beikers Schänke. „Ich bin jetzt der letzte Mohikaner“, sagt er, „jemand, der die Gastronomie nach seiner Zeit als Landwirt nurmehr als Hobby betreibt.“

Vier Holztische stehen im Wirtshaus, an der Wand hängt ein Foto vom örtlichen Spanferkelgrillen anno 1965. Darüber sind Geweihe von Rehböcken angenagelt, Trophäen, die einst Beikers Großvater geschossen hat. Gleich in der Nähe, im Bockmerholz. Der rustikale, ursprüngliche, dörfliche Charakter Wülferodes – hier spiegelt er sich wider.

„Wenn man vom Dorf hinter dem Kronsberg spricht, dann meinen das die Einwohner durchaus ernst“, sagt Angelika Becker (58). Die Vorsteherin der einzigen Kapelle im Stadtteil schmunzelt. Sie sagt: „Man fährt hier auch nicht in die City zum Einkaufen, sondern nach Hannover.“

Erst seit 1974 gehört Wülferode zur Landeshauptstadt. Aber vom ländlichen Leben ist vieles geblieben. Idyllisch eingebettet zwischen Wald und Getreidefeldern, präsentiert sich der Stadtteil mit seinen vielen Einfamilienhäusern in einer eigenen, kleinen Welt – ohne viel Verkehr, ohne Einkaufsmeile, ohne Hochhäuser, ohne großstädtische Hektik.

Auch auf dem Hof von Dirk Gericke (44) ist diese ländliche Beschaulichkeit zu spüren. Drei Traktoren stehen im Betrieb des Getreidebauern, es sind imposante Geräte mit schier gigantischen Rädern.In einer Lagerhalle taucht der schlaksige Landwirt seine kräftigen Arme in einen Haufen Gerste. Früher, so erzählt er, habe es mal neun Landwirte im Dorf gegeben, mittlerweile nur noch drei. Wegzuziehen komme für ihn aber nicht in Frage. Schließlich sei die Nachfolge schon geregelt. „Der Junior übernimmt mal den Betrieb.“ Und außerdem stimme in Wülferode alles, angefangen mit der Ruhe, die man hier hat. Ob ihm nicht mal langweilig wird? Gericke winkt ab. „Dann fahr ich halt in Urlaub.“

Was den Einwohnern an ihrer Heimat liegt, versucht Bezirksbürgermeister Manfred Benkler (66) zu erklären: „Wülferode, das ist eben ein Ort mit einer funktionierenden Gemeinschaft und einer Harmonie, die ihresgleichen sucht. Grund sei das eng geflochtene soziale Netzwerk. „Hier kennt jeder jeden.“ Ein weiterer Grund seien die Vereine. Fünf gibt es im Stadtteil: freiwillige Feuerwehr, Bürgergemeinschaft, den Kita-Träger sowie den Turn- und den Gesangsverein. Gut zwei Drittel der Bürger sind bei ihnen auch als Mitglieder aktiv.

Wie etwa Klaus Koch (70), der sich selbst gern als „Vereinsmeier“ bezeichnet, schließlich sei er „fast überall dabei“. Jeden Donnerstag trifft er sich mit seinen Freunden zum Boule-Spielen, auch heute. Dafür, so erklärt er, müsse er nur mal über den Zaun hüpfen. Kurz rückt er seine Kappe zurecht, wischt mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. Er beobachtet seinen Kumpel Erwin beim Werfen, spendet Applaus. Dann lächelt er zufrieden. „Herrlich hier!“, sagt er. „Finden Sie nicht?“ Es ist die Gemeinschaft, die ihm gefällt. Aber die sei bei Gott nicht eingeschworen. Fremde sind willkommen: „Wenn sie zu uns passen und gerne Bier mögen“, scherzt er.

Eine ist zum Beispiel gern gekommen: Betriebswirtin Sandra Hilty (37) ist vor vier Jahren mit ihrer Familie aus der Südstadt nach Wülferode gezogen, sie hat hier sogar ein Haus gebaut. Aus welchem Grund? Wieso weg aus der City, raus aufs Land? Sie überlegt nicht lange: „Es ist nett hier. Und man muss die anderen Kinder nicht suchen. Sie sind einfach da. Wülferode gefällt uns.“ Obwohl nur eine Buslinie hierher fährt. Obwohl es keinen Supermarkt gibt, keinen Friseur, keine Autowaschanlage. Aber wahrscheinlich mögen 887 Wülferoder ihren Stadtteil genau deswegen.


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