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Wülfel

Kontrastprogramm mit Waschbären

Wülfel-Fans: „Leinemasch ist das Nonplusultra.“
Ein Zeugnis industrieller Vergangenheit: das Brauereitor in Wülfel

Ein Zeugnis industrieller Vergangenheit: das Brauereitor in Wülfel

© Christian Behrens

Der Laden ist ein Stück Wülfel, mittlerweile seit bald 80 Jahren: Öffnet man die Glastür, scheint eine gefühlte Ewigkeit zu vergehen, bis der dumpfe Glockenton verstummt ist. Dielen knarren. Ein rundlicher Mann erscheint am Tresen. Es ist Klaus Dieter Rudolph (58) – der Mann, der den Laden in Schwung hält.

Es gibt wenig, das Rudolph nicht anbietet. Waschmaschinen, Trockner und Kühlschränke reihen sich an messingglänzende Leuchten und Lämpchen mit dunkelbraunen Schirmen. Radios, Toaster, Bügeleisen und Glühbirnen warten abholbereit auf neue Besitzer – ganz so wie eh und je. Rudolph gibt sich bescheiden. Er sagt: „Was wir haben, ist spärlich, aber die Leute nehmen es an.“ Wie er das bloß schafft? Wie er wirtschaftlich überleben kann? Er lacht. „Das frag ich mich auch immer wieder. Es ist wohl die Nähe zu den Kunden.“

Rudolph ist in Wülfel aufgewachsen, er kennt die Einwohner, er kennt die Reize und die Schattenseiten dieser Gegend. Der Wülfeler an sich sei vielleicht etwas spröde, erzählt er. Aber dafür gemütlich und bodenständig. „Und er ist treu“, wie Ilja Tunjic (30) vom Restaurant „Donau-Grill“ an der Hildesheimer Straße ergänzt. „Unsere Kunden kommen immer wieder, seit Jahren“, erzählt er. Und getrunken werde immer nur Gilde. „Keiner bestellt ein anderes Bier. Das ist hier eben so.“

Für viele Wülfeler ist die Familiengeschichte noch oft von der industriellen Vergangenheit des Stadtteils geprägt, von den einst bedeutenden Eisen- und Gummiwerken, in denen früher mal Tausende beschäftigt waren. Oder von der ehemaligen Wülfeler Brauerei, die heute einem riesigen Gewerbepark mit Schnellrestaurant, Discounter und Fitness-Studio gewichen ist. Nur noch das anthrazitgraue Tor der Brauerei erinnert an alte Zeiten.

Nostalgie versprühen auch die angejahrten Backsteinhäuser in der Werner- und Marthastraße oder die Brauereigaststätten an der Hildesheimer Straße. Stumme Zeugen aus der Zeit der Jahrhundertwende, als Wülfel noch Arbeiter-Hochburg war. Und heute? Säumen Dönerbuden und Neubauten mit Flachdächern die Straßen.

Aber es geht auch anders: Hinter der Wiehbergstraße sind schmucke Einfamilienhäuser entstanden, versteckte, moderne Gebäude mit Blick auf weite Wiesen. „Hier liegt vieles imVerborgenen“, sagt Bezirksbürgermeisterin Christine Ranke Heck. „Es ist ein kleiner, bescheidener Stadtteil, in dem es aber viele Highlights zu entdecken gibt“, sagt sie. Und damit hat sie recht.

Wülfel ist ein Stadtteil der Kontraste: Es sind keine zweihundert Meter, die die Hildesheimer Straße von den Leineauen trennen. Hier donnert der Schwerverkehr, dort paddeln die Kanu-Klubs. Hier rattern die Presslufthämmer an der Hochbahnsteigbaustelle, dort grasen die Kuh- und Pferdeherden mit fast schon provokativer Gelassenheit.

„In den Auen gibt es Waschbären, selbst Störche brüten hier“, erzählt Heck. Es ist ein natürliches Refugium, das sich hinter der kühlen Fassade des Designhotel Wiene­cke XI offenbart, eine Art Gegenprogramm zur Welt der Hektik.

„Die Leinemasch ist das Nonplusultra“, schwärmt Alexandra Roel (30), die mit ihrer Familie vor drei Jahren aus Ricklingen in die Loccumer Straße nachWülfel gezogen ist, unter anderem wegen der Liebe zum Fahrradfahren: „Das kann ich hier wunderbar machen.“ Jetzt ist sie rundum glücklich. Auch mit ihrer neuen Wülfeler Nachbarschaft: „Wir wurden freundlich aufgenommen – und haben vor allem schnell Leute kennengelernt.“


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