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Kirchrode

Willkommen im Dorf

Kirchrode hat Tradition, aber auch viel Platz für Neues.
Großer Hillen: Bereich Brabeck- und Tiergartenstraße

Charakteristisch für diesen Stadtteil: die vielen Backsteingebäude

© Ralf Decker

Ganz Kirchrode ist ein Dorf. Ganz Kirchrode? Nun ja, zumindest ein nicht ganz unmaßgeblicher Teil davon. Und darum muss man auch gar nicht weit herumfahren, um zu gucken, wie der Kirchröder so tickt. Der Puls des Stadtteils schlägt im Dorf. So nennen die Anwohner ihr Zentrum, dass sich entlang Tiergartenstraße, Brabeckstraße und Großer Hillen schlängelt – man geht nicht einkaufen, man geht ins Dorf.

Hier gibt es Supermärkte, von denen einige als Delikatessengeschäfte durchgehen könnten. Und es gibt jede Menge Tradition. Zum Beispiel Bäcker- und Konditormeister Besse (seit 1900 in der Tiergartenstraße) und Schlosserei Lüderitz, 1883 gegründet und ältester Handwerksbetrieb in Kirchrode

Es gibt auch William Olivotti. Wie wichtig der für Kirchrode ist, merkt man, wenn er nicht da ist. Im Winter zum Beispiel, dann hat sein Eiscafé Soravia, dass er seit über 20 Jahren betreibt, geschlossen. Der Laden ist heimliches Herz des Stadtteils. Hier trifft man sich und tauscht Gerüchte aus.

Derzeit wird wieder viel über Tradition geredet: Die Tiergartenschänke stehe zum Verkauf, heißt es. Der Betreiber will aber weiter machen. Das wäre gut für Kirchrode. Denn in einem anderen Traditionslokal bleibt schon lange die Küche kalt: Vom Kronprinzen bleibt wohl nur der Name. Jetzt wird das mehr als 300 Jahre alte Gebäude aufwändig renoviert, die Fassade soll so schön werden, wie zu Urgroßvaters Zeiten. Doch drinnen gibts kein Pils mehr, sondern Deos: Eine Drogerie-Filiale kommt hier rein.

Mit liebevollen Umbauten haben sie es hier. Auch wenn hinter der wunderschönen Fassade dann meist eine völlig neue Nutzung steckt. Ein historisches Fachwerkhaus, nur wenige Schritte vom Kronprinzen entfernt, war lange die wohl schönste Polizeistation der Stadt. Jetzt arbeiten die Schutzleute in einem Neubau neben einem Getränkemarkt und in dem schmucken Haus gibts stilvolle Accessoires fürs Eigenheim.

Wie schön, dass es Ecken gibt, wo die Zeit wirklich stehen geblieben scheint. Wie den 112 Hektar großen Tiergarten. Das älteste Wildgehege Deutschlands wurde Ende des 17. Jahrhunderts als hochherrschaftlicher Freizeitpark angelegt. Hier konnte der Adelige noch richtig Mann sein und das eigens für ihn ausgesetzte Damwild erlegen. Nun ja, seit 1799 ist der Park öffentlich, der Adelstand in Deutschland mittlerweile abgeschafft, doch Rehe und Hirsche gibt im Tiergarten immer noch.

Doch der eigentliche Star des Parks steht am Eingang, gleich hinter dem Queens-Hotel: eine etwa 650 Jahre alte Eiche. In den 70ern hat ihr jedoch ein Blitzeinschlag arg zugesetzt. Die anderen Bäume sind nicht ganz so alt, stehen dem Methusalem in ihrer Pracht aber kaum nach: majestätische Kastanien, mehrere 100 Jahre alte Eichen und Buchen. Unter ihnen zu flanieren, ist fast wie zu Kaisers Zeiten.

Womit wir bei einer der wohl schönsten Straße Kirchrodes wären. In der Kaiser-Wilhelm-Straße bauten die höheren Bürger prachtvolle Villen. Hier – wie auch in der Elisabethstraße und der nördlichen Lange-Hop-Straße – hatte sie ihre Ruhe, hielten die schnöde Industrie weit von sich. Große Schornsteine wollte man in Kirchrode eben nicht sehen.

Daran hat sich nicht viel geändert. Zumindest könnte man so die Debatte um das geplante Tierimpfstoffzentrum des Pharmariesen Boehringer deuten. Das Thema brodelt zurzeit im Stadtteil. Wobei die angereiste Tierschützerszene, die stellvertretend für viele Bürger auf Bäume klettert, Plakate malt, Zeltstädte errichtet und Bio-Klos anlegt, normalerweise einen schweren Stand bei den mehrheitlich konservativ geprägten Bewohnern hätte.

Ein anderes Thema ist viel erfreulicher. Es wird geboren in Kirchrode. Und zwar ordentlich! Das hat weniger mit den starken Lenden der Kirchröder zu tun als vielmehr damit, dass hier eine der größten Geburtskliniken Norddeutschlands angesiedelt ist. 2000 Babys kommen jährlich im Haus Neu-Bethesda der Henriettenstiftung zur Welt.

Doch selbst ohne die Klinik wird der Stadtteil langsam wieder jünger. Das liegt an den Neubauprojekten, die junge Familien anlocken. Und immer mehr Grundstücksbesitzer teilen mittlerweile ihren Besitz – und machen Platz für ein zweites Haus. Was jedoch das Ende für viele schöne Gärten bedeutet und zu einigen Diskussionen führt. Man kann es aber auch positiv sehen: Das zwischenzeitlich stark ergraute Kirchrode lebt auf. Mit viel traditioneller Fassade – und einer Menge Neuem dahinter.


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