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Misburg-Süd

Reise nach Jerusalem

Misburg-Süd: Ruhiger Hafen zwischen Natur und Industrie
Die Herz-Jesu-Christi-Kirche ist das Herzstück des Jerusalem-Viertels.

Die Herz-Jesu-Christi-Kirche ist das Herzstück des Jerusalem-Viertels.

© Christian Behrens
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Per Aufzug geht es in die siebte Etage, zu den „Zyklonen“ des Wärmeaustauschers: gewaltige Zylinder, die in einem mächtigen, 100 Meter hohen Quader untergebracht sind. Zusammen mit den Zementsilos prägen sie die Skyline von Misburg-Süd. „Hier“, sagt Michael Wendland (38) und deutet auf die Zyklone, „wird das Mehl des Mergels hineingeblasen.“ Bevor daraus im riesigen Dreh-Ofen bei 1400 Grad das Halbfertigprodukt Klinker wird. Und letztlich Zement.

Wendland ist Ingenieur bei Heidelberg-Cement in Misburg-Süd. Bis vor wenigenJahren hieß seine Firma Teutonia, ein Name, den die meisten noch mit dem glänzenden Industriezeitalter des Stadtteils identifizieren. Fünf Zementfabriken hat es in Misburg mal gegeben. „Geblieben sind nur noch wir“, sagt Wendland, während er sich seinen Arbeitshelm zurechtrückt. Sein Blick schweift nach Norden. Dorthin, wo sich die Schaufelradbagger durch den Staub der Mergelsteinbrüche fressen. Wendland lächelt. Der Rohstoff, den seine Kollegen hier abbauen und verarbeiten, reiche noch lange. „Zumindest, bis ich in Rente gehe.“

Sieht man von hier oben auf die Nachbarschaft des Zementwerks, wird deutlich, wie die Industrie die Gegend einst formte – und auch heute noch prägt: Schlichte Lagerhallen, Fabrikgebäude und Schornsteine säumen das Areal zwischen A 7 und Anderter Straße. Schwer beladene Lastwagen rollen über den Asphalt, während im Schatten der Silos die Natur die stillgelegten Mergelgruben zurückerobert.

Am anderen Ende vonMisburg-Süd, direkt am Stichkanal, klettert Detlef Gimser (62) in das Führerhaus einer Rangierlok aus dem Jahr 1954. Der kleine Mann mit der tiefen, rauchigen Stimme ist seit 23 Jahren Meister im Misburger Hafen, einem weiteren Markenzeichen der örtlichenWirtschaft. Gut 400 Schiffe pro Jahr werden hier gelöscht und beladen.

Umgeschlagen wird so ziemlich alles, was industriellen Nutzen hat:Teeröl, Steinkohle, Hackschnitzel. Mittlerweile, bedauert der Misburger Gimser, sei das Geschäft aber weniger geworden. Optimistisch ist er trotzdem: „Den Hafen braucht man immer – und so eine Talsohle muss man eben durchschreiten.“

Paul Jagodzinski (88) ist Gimsers Vorgänger. Auch er hat manche Wirtschaftskrise durchgemacht. Aber er hat auch in Boomzeiten Tag und Nacht durchgearbeitet. „Mensch, was haben wir damals alles verladen – Erz aus Peine, Rübenzucker aus Celle, so vieles.“ In seiner Wohnung an der Liebrechtstraße ist sie noch zu spüren, die Aufbruchstimmung der 50er Jahre. Der Boden ist frisch gebohnert, die cremefarbenen Türen glänzen in den Strahlen der Nachmittagssonne. „Mein Großvater hat dieses Haus gebaut, ich bin darin geboren und lebe seit 88 Jahren und drei Monaten hier“, schmunzelt er.

Jagodzinski ist ein Nachkomme von Arbeitern aus dem heutigen Polen, die damals in Misburg-Süd Jobs gefunden und dem Stadtteil ihren Stempel aufgedrückt haben: Weil die vielen katholischen Zuwanderer eine eigene Kirche gründeten, nannten die Einheimischen das Migranten-Viertel auf der Anhöhe ironisch „Jerusalem“. Oder auch „die da oben auf dem Berg mit ihrem Tempel“, ergänzt Jagodzinski. Auf „sein“ Jerusalem ist er aber bis heute stolz: „Wegen der Gemeinschaft.“

Ein paar Straßen weiter wohnt Gisbert Selke (68), ein guter Freund Jagodzinskis und ehemaliger Leiter der Pestalozzischule II. In seinem Teil Jerusalems reihen sich Einfamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten aneinander. Schön seien im Stadtteil nicht nur die vielen Naherholungsmöglichkeiten, etwa entlang des Kanals, findet Selke. „Hier kann man mit jedem ein Bier trinken gehen.“

Doch leben lässt es sich in Misburg-Süd nicht nur in Jerusalem. Am Rand einer ehemaligen Mergelgrube ist ein Neubaugebiet entstanden, der „Portland-Park“. Hier wohnen vor allem junge Familien in schicken Passivhäusern. Silke Prystawek (32) ist vor sechs Jahren mit ihrem Mann in den Park gezogen, die Kinder Melina (5) und Fabienne (2) sind dazugekommen. „Man hat hier Schulen, Kitas, ein schönes Naherholungsgebiet und eine familiäre Atmosphäre“, sagt Prystawek zufrieden.

Die gebürtige Misburgerin hat aber auch nie groß überlegt, ob sie möglicherweise woanders leben möchte. „Ich wollte immer hierbleiben.“


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