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IMMER NOCH DEN DURCHBLICK: André Spolvint lebt in seiner Wohnung in Linden zwischen seinen Fotos. Die Kamera kommt auch noch zum Einsatz, aber der 78-Jährige genießt nun auch sein Rentnerdasein.© Ismail

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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

"Wir suchten das Abenteuer"

Diesen charmant-schnarrenden Akzent hat er nie abgelegt, auch nicht nach fast 60 Jahren in Deutschland. Wenn André Spolvint anfängt zu sprechen, überlegt er erst kurz, lächelt dann meist und lässt den magyarischen Klang in seine Worte einfließen. Der 78-jährige Fotograf sitzt im Café im Linden vor seinem doppelten Espresso, dreht sich eine Zigarette und lässt die Erinnerung an eine dunkle Zeit Revue passieren, als die Sowjets seine ungarische Heimat besetzt hatten.

Hannover. Der Sohn eines Metzgers hatte gerade das Abitur in der Tasche, als die Ahnung von Aufbruch und Revolte aus Budapest in seine Heimatstadt Vac getragen wurde. „Ich war 19 Jahre alt, in meiner Clique waren viele Studenten – schon älter als ich. Und die Unterdrückung weckte in uns den Willen nach Freiheit, aber auch die Abenteuerlust.“

Vor allem Intellektuelle sind es, die den Oktober-Aufstand gegen das kommunistische Regime und die Sowjetbesatzer anführen. Das fasziniert den jungen Spolvint, der den schönen Künsten und der Literatur zugetan ist. Der aber auch kein Problem damit hat, dass die Clique mit Waffen zu den Protesten in die Hauptstadt Budapest, nur 34 Kilometer südlich von Vac, reist. „Wir hatten Handgranaten. Aber wir haben die nie benutzt. Eigentlich war es mehr jugendlicher Leichtsinn, die überhaupt zu tragen.“

Im berüchtigten Gefängnis von Vac ist neben anderen politischen Gefangenen auch der damalige Erzbischof inhaftiert, „er wurde von der Bewegung befreit, die Stasi weggejagt“, erinnert sich Spolvint. Die Geschichte zeigt, wie der zweimonatige ungarische Volksaufstand endete – unter den Panzern des mächtigen sowjetischen Bruders.

Bevor dessen Rache auf dem Fuße folgt, beschließen die jungen Leute die Flucht in den Westen. In einem organisierten Krankenwagen fahren die acht Männer im Alter zwischen 19 bis 24 Jahren erst nach Österreich, kurz vor Weihnachten 1956 erreichen sie Paris. „Dort wurden wir von der französischen Rotary-Gruppe betreut. Die versorgten uns und halfen uns, weiterzukommen.“

Während es die anderen jungen Ungarn in die USA und nach Kanada zieht, beschließt André Spolvint, in Europa zu bleiben. In der Grundschule in Vac hatten die Nonnen ihre Schüler auch in Deutsch unterrichtet, der Klang der Sprache ist ihm vertraut. Die Helfer in Paris setzen ihn in die Bahn nach Saarbrücken, über Frankenthal und einem kurzen Aufenthalt in Wolfsburg erreicht er schließlich Hannover.

Probleme mit der Sprache, mit der Integration gibt es für ihn nicht. „Ich war 19, da habe ich die Sprache schnell gelernt. Und wir Ungarn waren für die Deutschen Freiheitskämpfer. Ich habe mich zwar nie als Held gefühlt, aber so waren wir schon angesehen“, erzählt er grinsend.

Mit Anfang 30 lässt er sich einbürgern („das war für uns überhaupt kein Problem, selbst nicht, wenn Papiere fehlten“), jobbt hier und da – auch bei VW.

Und entdeckt schließlich die Fotografie. In Hannover gründet er den Bilderdienst der epd (Evangelischer Pressedienst) mit, in Afghanistan fotografiert er in den 80er Jahren mit seiner Leica die russischen Besetzer, in Australien, Mexiko und Kanada nimmt er Mensch und Natur in den Fokus seiner Kamera, verkauft Bilder für die renommierte Agentur Magnum, bekommt eigene Ausstellungen in Hannover. Und er arbeitet bis zu seiner Pensionierung 2005 auch für die NP, fotografiert „am liebsten und am häufigsten Kulturereignisse“. Fury in the Slaughterhouse, Heinz Rudolf Kunze, Scorpions, Rolling Stones – alle kennen und viele grüßen den Mann mit dem charmant-schnarrenden Akzent.

Den kritischen politischen Blick aus seiner Jugend hat sich André Spolvint übrigens bis heute bewahrt. Seine frühere Heimat Ungarn sei mit dem Flüchtlingsstrom komplett überfordert, „das ist ein viel zu kleines Land für die vielen Menschen, die da kommen“, schimpft Spolvint. Davon abgesehen sei der ungarische Regierungschef Viktor Orban natürlich ein übler Faschist. Doch es sei die Europäische Union, einst gegründet als Vision eines Hortes der Humanität, die in seinen Augen komplett versagt. „Die retten Banken mit Milliarden, aber wissen nicht, wohin mit den Flüchtlingen“, rügt er. „Das ist eine Katastrophe.“


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