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BLICKT ZURÜCK: Dass für ihn dieFlucht nicht zum Trauma wurde,habe er seinen Schwestern zuverdanken, sagt Negt. Fotos: Ismail

BLICKT ZURÜCK: Dass für ihn die Flucht nicht zum Trauma wurde, habe er seinen Schwestern zu verdanken, sagt Negt.© Nader Ismail

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NP-Serie

Oskar Negt: „Es war eine gute Entscheidung“

Krieg, Verfolgung, Armut ließen schon immer Menschen aus ihrer Heimat fliehen. Die NP-Serie „Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.“ stellt Menschen vor, die daraus in Hannover etwas gemacht haben. Fotografiert werden sie von Nader Ismail – einem Flüchtling aus Syrien. Heute: Oskar Negt über seine Flucht und die aktuelle Krise.

Hannover. Der Krieg kam spät nach Gut Kapkaim. Und für den jungen Oskar Negt begann er eigentlich erst mit der Entscheidung seiner Mutter, dass er gemeinsam mit seinen beiden Schwestern fliehen sollte. Weg aus diesem kleinen Ort in Ostpreußen, schnell nach Königsberg und weiter nach Berlin, schnell genug vor allem, um nicht von der vorrückenden Roten Armee eingeholt zu werden.

Bis zu diesem Zeitpunkt war es für Negt und seine insgesamt sechs Geschwister ein relativ unbeschwertes Leben gewesen. „Meine Kindheit war sehr gut“, sagt der Soziologe heute. Der Bauernhof in dieser kleinen Siedlung, die heute Wischnjowoje heißt und in der russischen Enklave Kaliningrad liegt, sei sein Spielplatz gewesen. Bis zur Flucht sei die Situation für die Familie auch nicht dramatisch gewesen. Negts Vater war zwar als früheres Mitglied der SPD auf der schwarzen Liste der Nazis gewesen, die „bäuerliche Solidarität“ auf Gut Kapkaim schützte ihn jedoch bis zum Schluss. Und nur die Einquartierungen verwundeter Soldaten hätten daran erinnert, dass die Welt um diesen kleinen Ort herum aus den Fugen geraten war.

Es war der 26. Januar 1945, der alles änderte. Der Tag, als der große Krieg den kleinen Oskar Negt (damals 10) und seine sechs und sieben Jahre älteren Schwestern Margot und Ursel auf ihrer Flucht doch noch einholte. Es waren zwei Sätze, die die Hoffnung auf eine schnelle Flucht zerplatzen ließen: „Nach Berlin gibt es keinen Zug mehr“, sagte ein Mann in Königsberg zu den drei Kindern und schob die bedrückende Begründung hinterher: „Die Russen haben Königsberg eingeschlossen.“ Negt bezeichnet diesen Moment als Schock: „Plötzlich waren wir in einer Festungsstadt. Und es gab auch keinen Weg zurück mehr.“

Der Zufall führte sie mit einem Mann zusammen, der auf einem Schlitten versuchte, sich durchzuschlagen: „Es war eine bittere Kälte in dieser Nacht, er nahm uns mit. Plötzlich schrie irgendwann meine Schwester auf, sie hielt eine tote Hand fest. Es war ein Leichenschlitten.“ Die Geschwister entschieden dennoch, nicht abzuspringen, schlugen sich weiter durch, schafften es schließlich bis in die Danziger Bucht und auf einen kleinen Dampfer, der sie nach Dänemark brachte. Sie waren nur ein winziger Teil eines gewaltigen Flüchtlingsstroms, den das kleine Land zu verkraften hatte: „250 000 Deutsche wurden in nur sechs Wochen aufgenommen. Und das bei einer damaligen Einwohnerzahl von vier Millionen.“ Ein Großteil von ihnen blieb auch nach dem Ende der deutschen Besetzung Dänemarks. Auch Negt lebte hier noch mehr als zwei Jahre, bevor ihn sein Weg nach Deutschland zurückführte. Erst nach Ostberlin, wo er wieder auf seine Eltern traf. Dort begann dann die zweite Flucht der Familie - in den Westen. In Frankfurt am Main studierte Negt schließlich als Schüler von Theodor W. Adorno Soziologie und Philosophie, 1970 wurde er auf den Lehrstuhl für Soziologie an der Uni Hannover berufen, später wurde er zu einem Freund, Berater und Kritiker des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder, mit dem er sich noch heute regelmäßig trifft.

Zurück sieht Negt aus zwei Perspektiven. Zum einen wäre da der Blick auf seine Schwestern und sich selbst. Die Frage, die ihn beschäftigt: „Wie viel Leid, Schmerzen und traumatische Erlebnisse kann ein Mensch in eine Persönlichkeit integrieren, die relativ normal ist.“ Es ist auch ein Thema, das er in seinem nächsten Buch behandeln wird, das im Frühjahr erscheinen soll und für das er seine Schwestern interviewt hat: „Ich habe ein normales Familienleben, hatte und habe keine traumatischen Erinnerungen. Das habe ich meinen Schwestern zu verdanken, weil ich nie alleine war. Ich habe die Situation mit ihnen gemeistert.“

Der andere Blickwinkel ist ein globaler: „Die Dänen sind damals wirklich beachtlich mit den deutschen Flüchtlingen umgegangen. Trotz der Besetzung. Und obwohl jahrelang Hotels und Schulen mit Flüchtlingen belegt waren und der Staat die Hälfte seines Haushaltes für sie aufbringen musste. Das sollte man bedenken, wenn man über die heutige Flüchtlingssituation spricht.“


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