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© Nader Ismail

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Geflüchtet. Geblieben. Geschafft.

„Niemals allein – Hand in Hand“

„Niemals allein, wir gehen Hand in Hand, zusammen sind wir groß und stark wie eine Wand.“ Wie oft er diese Zeilen schon gesungen hat, Oswald Pfeiffer, besser bekannt als Osssy, weiß es nicht mehr. „Unzählige Male“, sagt der 45-Jährige. Es ist die erste Liedzeile der 96-Vereinshymne „96 - alte Liebe“. Pfeiffer hat den Song nicht geschrieben, aber er ist es in Hannover, der dem Lied seine Seele einhaucht, diesen besonderen Gänsehaut-Moment. „Niemals allein“ - das galt auch damals im November 1975 für seine Eltern Claudette und Peter und ihn, den fünfjährigen Oswald.

Hannover. Mutter Claudette war Diplomatin im Libanon, der Vater ein erfolgreicher Modedesigner. „Wir hatten eine große Textilfabrik, mein Vater brachte sogar eigene Modelinien heraus. Wir hatten ein schönes Leben, uns ging es sehr gut“, erinnert er sich heute. Mutter, Vater und Oswald lebten in einer großzügigen Penthouse-Wohnung über den Dächern Beiruts: „Es war eine wunderschöne Stadt, die damals zu Recht als das Paris des Nahen Ostens bezeichnet wurde.“ Doch dann brach der Krieg aus. Granaten flogen, Bomben detonierten, Menschen starben.

„In den ersten Kriegsmonaten glaubten meine Eltern noch daran, dass sich die Lage wieder beruhigt“, erzählt der Musiker. „Immer wenn es zu brenzlig wurde in der Stadt, zogen wir uns in unser Haus in den Bergen zurück: Von oben sah man die Einschläge. Das habe ich noch heute vor Augen“, so Osssy. Während sie noch hofften, schlug eine Granate in das Wohnzimmer des Penthouse ein. „Wären wir da gewesen, wir hätten es nicht überlebt“, erinnert er sich. Dann fiel eine Bombe auf die Fabrik der Familie. Auf das Lebenswerk des Vaters. Pfeiffer: „Die Fabrik war komplett zerstört, und mit ihr unsere Existenz. Auch wenn ich damals noch sehr klein war, habe ich sofort gespürt, dass es jetzt weg geht“, sagt er. Sie seien die ersten Flüchtlinge aus der Familie gewesen, viele andere „hauten später auch in den Sack“ und wanderten nach Kanada oder Australien aus - „wir sind über den ganzen Erdball verstreut“.

Sie packten ihr altes Leben in einen einzigen Koffer - „Das war nicht viel“, so der „Alte Liebe“-Sänger - und nahmen an einem frühen Morgen Anfang November 1975 Abschied von Verwandten und Freunden: „Ich habe Rotz und Wasser geweint. Es war hart, unser altes Leben in Beirut hinter uns zu lassen. Ich habe nicht verstanden, warum wir mein Land verlassen müssen.“ Nur einmal kehrte er seitdem zurück: „Ein Fehler. Der Libanon ist wie ein Schweizer Käse, zerbombt und verwahrlost. Ich gehe da nie wieder hin.“

Ein bewaffneter Konvoi brachte Osssy und seine Eltern, Mutter Claudette war damals hochschwanger mit seinem Bruder, zum Flughafen: „Wir hatten Glück, dass wir unterwegs nicht beschossen wurden.“ Zusammen mit hunderten Flüchtlingen harrte die Familie einen ganzen Tag dort aus. „Mit der letzten Lufthansa-Maschine haben wir schließlich den Libanon verlassen. Danach ging nichts mehr. Es war wirklich eine Flucht in letzter Sekunde“, weiß der 45-Jährige heute. Und es sollte nicht die letzte bleiben.

Die Familie kam erst bei den Großeltern in Badenstedt unter. „Aber mein Vater war fest davon überzeugt, nach einiger Zeit zurückzukehren. Er hoffte so sehr, wieder Anschluss zu finden, eine neue Fabrik aufzubauen, er hatte ja so viele Kontakte in die Modebranche. Es ist ja wie im Fußball: Du darfst nicht zu lange am Boden bleiben, sonst ist es vorbei“, erzählt Pfeiffer. Schon vier Jahre später zog die Familie zurück in den Nahen Osten, lebte fünf Jahre in Bagdad und erlebte dort auch die Machtübernahme von Saddam Hussein. In der Hochphase des ersten Golfkriegs flüchtete sie erneut. „Wir waren fast wie Nomaden, immer unterwegs“, so Pfeiffer. Malta, Manila auf den Philippinen - erst nach mehreren Stationen kehrten die Pfeiffers 1988 endgültig zurück nach Hannover - und wurden sesshaft.

40 Jahre ist seine erste Flucht bereits her. „Hannover ist mein Zuhause. Hannover hat mich wie die Mutter im Schoße empfangen“, sagt er heute. Es ist ein halbes Leben her. Doch die Bilder von damals, vom Krieg, vom verwüsteten Wohnzimmer, der zerbombten Fabrik, sie sind noch immer lebendig in ihm. Sieht er heute Bilder der aktuellen Flüchtlingskrise, dann kommen „die alten Gefühle sofort wieder hoch“, so Pfeiffer: „Ich weiß genau, wie sich diese Menschen fühlen. Ich kenne ihre Ängste und kenne ihre Gründe, warum sie flüchten mussten.“ Es sei sicher keine Pflicht, Flüchtlingen zu helfen, sagt er weiter: „Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Für mich hat es aber etwas mit Gefühl und Würde zu tun. Ich helfe, weil mich das Elend der Flüchtlinge tief berührt. Wen das kalt lässt, der ist sowieso schon abgestumpft und verloren.“


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